Architekturqualität im kostengünstigen Wohnungsbau

Architekten gefragt: Architekturqualität im kostengünstigen Wohnungsbau 16.April 2015, Berlin

Gruppenfoto: (von links) Christian Roth, Prof. Dr. Matthias Ottmann, Olaf Bartels, Peter Friemert, Frank Junker, Kristina Jahn, Prof. Dr. Thomas Jocher, Jochen König, Bärbel Winkler-Kühlken, Prof. Dr. Rudolf Hierl, Achim Nagel, Hans-Dieter Hegner, Prof. Georg Sahner und Joachim Brenncke; Foto: Michael Reitz, Berlin

 

Auf der Suche nach bisher unbeachteten und ungenutzten Potenzialen, einen kostengünstigen und trotzdem architektonisch qualitativ hochwertigen Wohnungsbau zu fördern, gingen 130 Architekten und Vertreter der Immobilienbranche am 16. April 2015 in Berlin den Dialog ein. Dazu aufgerufen hatte das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit BMUB in Kooperation mit der Bundesarchitektenkammer BAK. Architekten kommt hierbei eine wichtige und nicht immer konfliktfreie Rolle als Verfechter der Baukultur auf der einen Seite und als Treuhänder des Bauherrn auf der anderen Seite zu. Besonders im kostengünstigen Wohnungsbau – der in vielen Fällen auch mit öffentlich gefördertem, sozialem Wohnungsbau gleichzusetzen ist – muss der Planer in einem sehr engen Korsett aus Budget, Anforderungen, Normen und Regelwerken agieren.

Hintergrund für das aktive Einfordern der Meinungen – sowohl von Planern als auch von Vertretern großer Wohnungsbaugesellschaften als Bauherrn – sind die Bestrebungen des Mitte 2014 ins Leben gerufene „Bündnis für bezahlbares Wohnen und Bauen“ des BMUB. Dieses hat sich mit der Baukostensenkungskommission – an der Architekten und Ingenieure, die Wohnungswirtschaft, aber auch die Wissenschaft und öffentliche Körperschaften wie Bund, Länder und Kommunen beteiligt sind – zum Ziel gesetzt, den steigenden Wohnraumbedarf, besonders in den Ballungszentren, zu decken und gleichzeitig soziale, demografische, energetische und besonders auch baukulturelle Anforderungen zu berücksichtigen. Die wissenschaftliche Begleitung der Baukostensenkungskommission wird durch die InWIS Forschung & Beratung GmbH, Bochum, durchgeführt, deren Geschäftsführer Michael Neitzel den Teilnehmern die Tätigkeiten der Kommission vorstellte. Zuvor hob Hans-Dieter Hegner, Ministerialrat im BMUB und Leiter des Referats Bauingenieurwesen, Nachhaltiges Bauen und Bauforschung, zu Beginn der Veranstaltung deren Arbeitscharakter hervor. Der Fokus des Symposiums bestand nicht darin, definierte Inhalte zu vermitteln, sondern ganz im Gegenteil, ein ergebnisoffenes, möglichst ehrliches und konstruktives Feedback der Architekten und Wirtschaftsvertreter zur Analyse der Kostentreiber und Optimierung der Standards, Planungs- und Bauprozesse zu erzielen. Joachim Brenncke, Vizepräsident der Bundesarchitektenkammer, Berlin, betonte den besonderen Charakter der Veranstaltung. „Das was wir hier heute machen, ist nicht üblich. Wir haben nun die Chance, uns in viele Prozesse, die etwas mit gesellschaftlichen Änderungen im Planen und Bauen zu tun haben, einzubringen.“ Die langfristige Zielsetzung ist es, die Ergebnisse der Planer-Expertise gemeinsam mit den Resultaten aus Fachausschüssen und Gutachten in einen konkreten Maßnahmenkatalog der Baukostensenkungskommission einfließen zu lassen. Besonders die zuzugsstarken Ballungszentren benötigen dringend zusätzlichen Wohnraum, und diesen vor allem im niedrigpreisigen Segment. Darüber sind sich alle Beteiligten einig, über den Weg dorthin wurde jedoch stark diskutiert. In vier Workshops zu den übergeordneten Schwerpunktthemen Grundrisse, Konstruktion, Wettbewerbsverfahren und Planungs- und Bauprozesse wurden Impulsvorträge gehalten und teils provokante Thesen aufgestellt.

Einleitend gab Prof. Dr. Thomas Jocher, Institut Wohnen und Entwerfen, Universität Stuttgart, einen Rückblick auf „Die unendliche Geschichte des billigen Wohnens“ und griff damit schon relevante architektonische Themen wie Gebäudeform und Anordnung, Grundrissgestaltung, Flächenverbrauch, Erschließungssysteme, Bauweise, Konstruktion und Vorfertigung auf. Christian Roth von zanderrotharchitekten, Berlin, sprach in seinem Vortrag „Strategien im Wohnungsbau“ über alternative Vorgehensweisen durch das Bauen in Baugemeinschaften.

Im „Workshop Planungs- und Bauprozesse“ befassten sich die Teilnehmer unter der Moderation von Peter Friemert, Zebau, mit den Aspekten einer qualitätsvollen und gleichzeitig effizienten Umsetzung in Planung und Ausführung.?Prof. Dr. Rudolf Hierl, Hochschule Regensburg, Hierl Architekten BDA DWB, München, verdeutlichte anhand von drei Objekten, welchen enormen Einfluss das Vergabefahren auf die Kostenentwicklung haben kann. Dabei sprach er sich für eine Deregulierung von Planungs- und Bauprozessen, für die Stärkung der Verhandlungskompetenz im Vergabeverfahren und für grundsätzlich mehr Handlungsspielräume, besonders im geförderten Wohnungsbau, aus. Achim Nagel, Geschäftsführer PRIMUS developments GmbH, Hamburg, befasste sich mit den Möglichkeiten der Partizipation und stellte exemplarisch das IBA Selbstbauprojekt Grundbau und Siedler in Hamburg vor. Seine Thesen zur Kostenreduzierung zielen auf das Selbstverständnis des Architekten und den Dialog mit dem Bauherrn ab, der einen traditionellen Baumeister braucht und auch nach der Baufertigstellung nicht alleine gelassen werden darf. Die anschließende Diskussion drehte sich um das Selbstverständnis und die Kompetenzen von Architekten sowie die Schnittstellen zu den Fachplanern. Angesprochene Aspekte waren hierbei die Transparenz der Prozesse, eine denkbare Lösung wurden in der Integration von BIM gesehen. Auch die Lebenszyklusbetrachtung von Gebäuden sowie mögliche weitere Aufgaben für Architekten nach der Leistungsphase 9 wurden diskutiert. Als Fazit des Workshops steht eine erweiterte Kompetenz der Architekten im Mittelpunkt der Optimierung der Prozesse und der Kosteneinsparpotenziale.

Veranstalter BMUB Bundesbauministerium und BAK Bundesarchitektenkammer