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Rede zum Bundesauftakt Tag der Architektur von Professor Arno Sighart Schmid
25.06.2010

Sehr geehrter Herr Staatssekretär Mücke,
sehr geehrter Herr Minister Klug,
lieber Herr Kollege Präsident Schüler,
lieber Herr Kollege Engel,
sehr geehrter Herr Dr. Claus,
sehr geehrter Herr Kock,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
werte Festgäste, liebe Kolleginnen und Kollegen:

herzlich willkommen zum Bundesauftakt des Tags der Architektur. Mit der heutigen Veranstaltung eröffnen wir bundesweit den Tag der Architektur, der sich inzwischen als traditionelle Veranstaltung der Baukultur etabliert hat.

Längst ist das letzte Wochenende im Juni für Architekturinteressierte ein fester Termin geworden, denn dann laden in allen sechzehn Bundesländern die Architektenkammern zum Tag der Architektur ein.

Der Tag der Architektur ist 1995 erstmalig von den Architektenkammern in Hessen, Rheinland-Pfalz, Thüringen und im Saarland ins Leben gerufen worden. Sehr bald schlossen sich weitere Kammern an, und heute ist dieser Tag der Architektur in allen Bundesländern ein zentrales Element unserer Öffentlichkeitsarbeit.

Die breite Öffentlichkeit ist an diesem Wochenende eingeladen, zeitgenössische Architektur in ihrer unmittelbaren Umgebung zu besichtigen, und so einen direkten Einblick in das Schaffen der Stadtplaner, der Architekten, Innen – und Landschaftsarchitekten ihrer Stadt, ihrer Region zu erhalten. Denn die von den Architektenkammern organisierten Besuchsprogramme sind sehr vielfältig: Wohnhäuser, Büros, Industriebauten, Schulen oder sogar schwimmende Ferienhäuser, Stadtquartier, Gärten, Inneneinrichtungen können besichtigt werden.

Wie groß inzwischen das Interesse ist, zeigen die seit Jahren kontinuierlich steigenden Besucherzahlen: Waren es im Jahr 2002 knapp 80.000 Besucher, die dem Aufruf der Kammern folgten, so hat sich die Zahl im vergangenen Jahr mit über 166.000 Besuchern mehr als verdoppelt. Eine wahre Erfolgsgeschichte.

Für die Architekten hat sich der Tag der Architektur zu einer der wichtigsten Veranstaltungen unserer Profession entwickelt. Einmal im Jahr stellen wir unser Können öffentlich zur Diskussion, zum Vergleich – und zur Kritik. Damit wollen wir verstärkt ins öffentliche Bewusstsein rücken, was Architektur leisten, was sie bewirken kann im Leben und Miteinander der Menschen. Für uns ist wichtig, dass wir mit dieser Veranstaltung die Öffentlichkeit direkt ansprechen, und zusammen mit unseren Bauherren einladen, Bauprojekte kennen zu lernen, die sonst oft nicht öffentlich zugänglich sind.

Die Bandbreite dessen, was zu besichtigen ist, spiegelt die Fülle an baulichen Entwürfen und Projekten wieder, die in jüngster Zeit in Deutschland entstanden sind. Zu besichtigen sind Projekte zum Bauen im Bestand, Sanierungen von Altbauten und von Wohnbauten der Nachkriegsmoderne, der altersgerechte Umbau von Einfamilienhäusern und Wohnungen, neugestaltete Freiräume und Gärten, Stadtquartiere - und auch zeitgenössische Innenarchitektur. Damit geht es vielerorts um die Baukultur des Alltäglichen, und weniger um Stararchitektur.

Anders hier in Kiel bei unserem heutigen Bundesauftakt: Hier bildet ein wahres Leuchtturmprojekt den Mittelpunkt der Veranstaltung - das neue Terminalgebäude am Schwedenkai. Es wurde im Auftrag der SEEHAFEN KIEL GmbH & Co. KG nach den Plänen von KSP Jürgen Engel Architekten errichtet. Von hier aus starten in Kürze die Fähren nach Göteborg und die Kreuzfahrtschiffe der Stena Line.

Mit dem Neubau Schwedenkai bekommt Kiel ein weiteres architektonisches Wahrzeichen. Vor allem eines, das sich dank seiner insgesamt 13 Geschosse selbst gegen die Schifffahrtsriesen der heutigen Zeit behaupten kann. Es wertet den Standort Kiel als einen der beliebtesten deutschen Kreuzfahrthäfen auf und stärkt den Logistikstandort mit moderner, architektonisch ansprechender Funktionalität für die Reisenden, und mit optimierter Verkehrslogistik.

Der neue Schwedenkai verbindet somit die Hafenfunktion mit urbanen Funktionen und schafft einen unmittelbaren Bezug zur Innenstadt. Das neue Terminal ist auch gleichzeitig Bürogebäude, Veranstaltungsort und bietet Platz für Gastronomie. Es ist die Kombination der verschiedenen Nutzungen, die den besonderen Charakter des Gebäudes ausmacht. Daher bin ich optimistisch, dass es ab der Eröffnung seinen Praxistest gut bestehen wird und die Nutzer begeistert sein werden.

Meine Damen und Herren,
für den heutigen Bundesauftakt hier im Schwedenkai in Kiel, unmittelbar an der Schnittstelle zwischen Wasser und Land haben wir – wie Sie bereits unseren Einladungen entnommen haben – das Motto "Horizonte" gewählt. "Horizonte" steht für Offenheit und Weite, für Neues entdecken und für Aufbruch. All dies zeichnet im besten Sinne moderne Architektur aus.

Und so bietet der Tag vielerorts die Möglichkeit den eigenen Horizont in Sachen Architektur und Baukultur zu erweitern. Und sicher tun sich auch für viele Architekten neue Horizonte auf, hat sich doch der Tag der Architektur als Seismograf für Entwicklungen rund um das Thema Planen und Bauen etabliert und als Gelegenheit für den Dialog mit der Öffentlichkeit und mit den Bauherren bewährt.

Und so wie das Motto "Horizonte" auch als Synonym für Weitsicht und Herausforderung steht, nehme ich den heutigen Tag zum Anlass, noch einige Worte zum Berufsstand der Architekten, zu ihren sich stetig erweiternden Aufgaben und zu ihrer Verantwortung in der heutigen Zeit zu sagen.

Der Beruf des Architekten zeichnet sich durch Kreativität, Innovation und Weiterentwicklung von technischem Know-how aus. Dieser permanente Wettstreit um noch bessere architektonische Lösungen – im Sinne der Nutzer, aber auch im Sinne der Allgemeinheit - um moderne Gestaltungsvielfalt, um den noch ökonomischeren und ökologischeren Umgang mit den uns verfügbaren Ressourcen, wird uns Architekten in der Regel schon im Studium vermittelt.

Deshalb appellieren wir auch nachdrücklich für eine hohe Ausbildungsqualität an deutschen Hochschulen, Akademien und Bildungseinrichtungen. Durch ein breit gefächertes fünfjähriges Studium müssen die Unsicherheiten, die durch den Bologna-Prozess bei uns entstanden sind, und die Ungleichheiten in einigen Bundesländern wieder beseitigt und die problemlose automatische Anerkennung deutscher Studienabschlüsse in Europa und international sichergestellt werden. Das soll nicht bedeuten, dass wir der Gleichmacherei das Wort reden, denn Konkurrenz spornt an und belebt. 

Daher hat auch der Planungswettbewerb aus unserer Sicht einen so hohen Stellenwert. Um diese Innovationskraft weiterhin zu fördern, sieht sich die Bundesarchitektenkammer in der Tat als Hüterin des Wettbewerbs. Die RPW 2008, also die neuen Richtlinien für Planungswettbewerbe haben sich hier als wichtiges Instrument bewährt. Und die Ergebnisse solcher Planungswettbewerbe – wie hier der Schwedenkai – haben es immer wieder unter Beweis gestellt, dass mit diesem Instrument hervorragende, zeitgemäße, Lösungen auch für schwierige Aufgaben erzielt werden können. Und auch für die Diskussionen in der Öffentlichkeit, die heutzutage – zu Recht – ja häufig die größeren und oft umstrittenen Projekte begleiten, ist es eine enorme Hilfe, wenn ein Wettbewerb eine Vielzahl an denkbaren Varianten aufzeigt, und eine fachlich hochkompetente Jury die nachvollziehbar besten Lösungen herausgefiltert und prämiert hat.

Bei all diesem muss es heute – gerade in den Zeiten wirtschaftlicher und finanzieller Probleme – vor allem auch um die Zukunftsfähigkeit dessen gehen, was wir heute realisieren, und was den Lebensraum unserer Gesellschaft auf Jahre hinaus prägen wird. Wir als Stadtplaner, Architekten, Innen- und Landschaftsarchitekten fühlen uns der Aufgabe verpflichtet, eine funktional und wirtschaftlich optimale, qualitätsvolle und zukunftsfähige gebaute Umwelt zu planen, zu gestalten und zu bauen, und dabei die natürliche Umwelt in ihrer vollen Vielfalt und Funktionstüchtigkeit zu erhalten.

Es geht um mehr als Energieeffizienz, so wichtig diese für die Zukunftsfähigkeit der Menschheit auch ist. Diesem Aspekt haben wir durch das uns selbst verpflichtende Manifest „Vernunft für die Welt“, das wir im vergangenen Jahr zusammen mit den Architektenverbänden und der Bundesingenieurkammer der Bundesregierung übergeben haben, dezidiert Rechnung getragen. Aber auch die soziokulturellen Faktoren, die Frage des „Sich-Wohlfühlens“, der Identität und der Identifikation mit dem jeweiligen Umfeld spielen zunehmend eine wichtige Rolle. Findet sich der Einzelne in seinem Umfeld zurecht, findet er sich dort wieder? Schon vor Jahren zog Alexander Mitscherlich den Schluss, dass der Mensch die Stadt prägt, und dass diese Stadt im Umkehrschluss den Menschen prägt.

Eine moderne Zivilisation definiert sich über ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, aber in gleichem Maße auch über ihre Kultur. Und die prägendste aller Kulturen ist die Baukultur, da es vor ihr kein Entfliehen gibt. Ein Buch können Sie zuschlagen, Musik können Sie abschalten, Sie sind nicht gezwungen, ins Theater oder ins Museum zu gehen, Sie tun dies freiwillig. Aber vor der gebauten Umwelt können Sie Ihre Augen nicht verschließen, sie folgt und umgibt Sie auf Schritt und Tritt. Es muss deshalb unser zentrales Anliegen sein, dass auch die baukulturelle Ausprägung unserem Selbstbild entspricht.

In der modernen globalisierten Welt sind wir in vielfältiger Art und Weise auch vom Ausland, von unseren weltweiten Partnern abhängig. Deshalb engagiert sich die Bundesarchitektenkammer auch seit vielen Jahren mit NAX, ihrem Netzwerk Architekturexport dafür, für deutsche Planer, für deutsche Architekten und Ingenieure den Weg zum Export von Planungsleistungen, den Weg ins Ausland zu bereiten. Unsere Kolleginnen und Kollegen genießen im Ausland einen hervorragenden Ruf, unsere Kreativität, unser technologisches Wissen, unsere Kosten- und Zeitgenauigkeit  und unsere Präzision werden hoch geschätzt.

Umso wichtiger ist es also auch für uns, dass das Bild, das sich die Welt von uns macht, wirklich zeitgemäß ist. Mit aus diesem Grund habe ich auch vor einigen Tagen erneut vorgeschlagen, den tristen, vorbelasteten Pavillon, in dem sich die deutsche Architektenschaft auf der berühmten Architekturbiennale in Venedig alle zwei Jahre dank großzügiger Unterstützung des Bundesbauministeriums international präsentieren kann, zum 25-jährigen Jubiläum der friedlichen Revolution 1989 in Ostdeutschland, die zur Vereinigung beider deutscher Staaten im Jahr 1990 geführt hat, durch einen Neubau zu ersetzen.

Ein solcher Neubau, in dem sich dann der deutsche Beitrag zur Architekturbiennale 2014 präsentieren könnte, sollte aus einem Planungswettbewerb hervorgehen, und die Transparenz, die Offenheit und die Toleranz sowie die Kompetenz der Bundesrepublik Deutschland des 21. Jahrhunderts widerspiegeln, und gleichzeitig die superbe Lage des deutschen Pavillons direkt an der Lagune in einem Maße nutzen, wie dies der jetzige Pavillon nie zu leisten im Stande ist.

Meine Damen und Herren,
werte Kolleginnen und Kollegen,                           

gerade im Außenwirtschaftsbereich erhoffen wir uns auch weiterhin die Unterstützung der Bundesregierung, weniger in finanzieller Art, als vielmehr durch verstärkte Berücksichtigung von Architekten und Planern bei Regierungsreisen, durch die positiven Wirkungen, die dadurch entstehen, wenn wir für unsere eigenen Aktivitäten und die von NAX auch deutsche Botschaften und Einrichtungen im Ausland nutzen können. Mit dem ifa Institut für Auslandsbeziehungen konnten wir in der jüngsten Vergangenheit wertvollste Kooperationen bei Ausstellungen im In- und Ausland realisieren, und auch die Initiative für die Kultur- und Kreativwirtschaft, die das Bundeswirtschaftsministerium gemeinsam mit dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gestartet hat, bietet vielversprechende Ansätze, die erhebliche Wirtschaftskraft dieser Branchen und damit auch die von Architekten und Planern zu stärken. Hierfür sagen wir herzlichen Dank.

Meine Damen und Herren: „Horizonte“, das lenkt den Blick auf das Weite, auf das Große. Es weckt die Neugier, was hinter dem Horizont liegt, die Neugier auf das Unbekannte, das Unentdeckte.

Ich freue mich sehr, dass uns nun der Architekt dieses tollen Gebäudes, das ebenfalls aus einem Planungswettbewerb hervorgegangen ist, Herr Jürgen Engel vom Büro KSP Jürgen Engel Architekten GmbH, dem ich zu diesem Erfolg ganz herzlich gratuliere, einen fachmännischen Blick auf dieses Projekt gewährt.

 

 

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