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Am 24.10.2006 war Prof. Arno Sighart Schmid, Präsident der Bundesarchitektenkammer, zu Gast im Bayerischen Rundfunk bei der Sendung alpha-forum im Gespräch mit Dr. Michael Schramm.
Das Manuskript wurde der Bundesarchitektenkammer mit freundlicher Genehmigung des Bayerischen Rundfunks zur Verfügung gestellt.
Schramm: Willkommen beim alpha-forum. Zu Gast ist heute Professor Arno Schmid. Herr Professor Schmid, Sie sind Präsident der Bundesarchitektenkammer mit 115000 Mitgliedern. Wie wird man denn Präsident einer solchen Institution? Gibt es da Parteien, die einen vorschlagen? Schmid: In meinem Fall war es so, dass es eine Findungskommission gegeben hat. Nachdem mein Vorgänger Peter Conradi nach seiner zweiten Amtsperiode nicht mehr gewählt werden konnte, wurde in der Bundesarchitektenkammer eine Findungskommission eingerichtet, die mehrere Kandidaten interviewte und prüfte. Danach wurde ich vorgeschlagen. Gewählt worden bin ich dann aber von der Bundeskammerversammlung, die einmal im Jahr tagt, in der Regel in Berlin, und in die die 16 Architektenkammern der Länder ihre Delegierten entsenden. Dort bin ich dann für die Amtszeit von drei Jahren gewählt worden. Schramm: Kann man sagen, dass Sie jetzt die Stimme der deutschen Architektenschaft sind? Schmid: Im Prinzip ja. Schramm: Heißt das, dass Sie bei politischen Gesprächen, bei Verhandlungen mit dabei sind? Schmid: Die Struktur dieser Kammern sieht ja so aus: Es gibt in Deutschland die Kulturhoheit der Länder. Es gibt 16 Bundesländer einschließlich der Stadtstaaten, die in diesem Fall ja als Land gelten: Das sind Hamburg, Bremen und Berlin. Jedes Land hat ein eigenes Architektengesetz und auf der Grundlage dieser Gesetze eine Architektenkammer – und in der Regel parallel dazu auch eine Ingenieurkammer. Diese Kammern sind Körperschaften des öffentlichen Rechts. Das heißt, sie nehmen im Auftrag der jeweiligen Landesregierung und des zuständigen Ministeriums gewisse Verpflichtungen wahr wie z. B. Berufsregulierungsfragen usw. Die Kammern der Architekten auf Landesebene sind also Organe des öffentlichen Rechts. Die Bundesarchitektenkammer ist die Dachorganisation dieser 16 Kammern. Somit sind wir auf der Bundesebene Ansprechpartner für die Politik, für die Öffentlichkeit, für die Medien. Wir sind das Sprachrohr der 16 Kammern auf der Bundesebene aber auch im Hinblick auf Europa und die internationale Ebene. Schramm: 115000 Mitglieder hat Ihre Kammer insgesamt: Das sind Zwangsmitglieder. Sind da eigentlich auch Angestellte mit dabei oder nur freiberuflich tätige Architekten? Schmid: Ich höre ja den Begriff "Zwangsmitglied" nicht so gerne. Die Kammern sind berufsständische Organisationen. In diesen Kammern sind organisiert erstens die vier Fachsparten: Hochbauarchitektur, Stadtplanung, Innenarchitektur und Landschaftsarchitektur. Die sind dort also alle unter einem Dach. Mitglieder sind sowohl freischaffende Architekten wie auch angestellte Architekten und beamtete Architekten. Wir haben sogar im Bundesvorstand der Bundesarchitektenkammer für die Angestellten und Beamteten und für die Minoritäten, also die Stadtplaner, Innenarchitekten und Landschaftsarchitekten, jeweils noch eine spezielle Person, die im Vorstand zusammen mit den 16 Präsidenten der Länderkammern sitzt und mit ihnen den Vorstand bildet. Schramm: In der Öffentlichkeit wird Architektur ja meistens als Hochbau wahrgenommen. Sie selbst sind aber z. B. ausgebildeter Landschaftsarchitekt. Ist das nicht ein Exotikum? Schmid: In gewisser Weise schon, wobei die Wahrnehmung der Architektur in der Öffentlichkeit insbesondere als Hochbauarchitektur fast zwangsläufig ist. Das Verhältnis ist ja auch so, dass 85 Prozent der Architekten, also der Mitglieder in den Kammern, Hochbauarchitekten sind, während die anderen Fachrichtungen wie die Stadtplanung, die Innenarchitektur und die Landschaftsarchitektur eher Minoritäten darstellen. Gleichwohl halten wir, wie gesagt, schon auch große Stücke darauf, dass die Fachsparten quasi interdisziplinär wirklich integriert sind. Denn gerade in der heutigen Zeit ist ja die interdisziplinäre Arbeit angesagt. Ein gewisses Exotikum bin ich insofern, als ich in 50 Jahren Kammergeschichte der erste Landschaftsarchitekt und der erste Nicht-Hochbauarchitekt bin, der zum Präsidenten gewählt worden ist. Schramm: Sie haben soeben den Proporz angesprochen: 85 Prozent Ihrer Mitglieder sind Hochbauarchitekten, nur 15 Prozent verteilen sich auf die anderen drei Fachsparten. Ist es eigentlich ein deutsches Spezifikum, dass es bei uns so wenig Innenarchitekten gibt? Schmid: Das würde ich so nicht sagen wollen, wobei in den anderen Ländern innerhalb der Europäischen Union die Stadtplaner und Landschaftsarchitekten nicht gemeinsam mit den Hochbauarchitekten organisiert sind, dort gibt es unterschiedliche Organisationen. Im United Kingdom gibt es z. B. das Royal Institute of British Architects (RIBA) und daneben noch ein "Institute of Landscape Architecture", ebenfalls mit königlicher Charta versehen. Schramm: Sie sind ja jetzt in einer recht schwierigen Zeit Präsident. Wann wäre eigentlich die schönste Zeit für Architekten gewesen? Die siebziger Jahre? Was waren die ganz großen Zeiten für Architekten? Schmid: Die schönste Zeit ist eigentlich immer die Jetztzeit, weil man in der Gegenwart die Zukunft gestalten kann. Im Nachhinein zu sagen, dass irgendwann einmal die Zeiten besser gewesen sind, im Nachhinein sozusagen einen goldenen Rückblick zu machen, ist zwar schön und gut, aber wir sind nun einmal dazu aufgerufen, hier und jetzt zu handeln und in die Zukunft hinein die Weichen zu stellen. Deshalb bzw. gerade wegen dieser Schwierigkeiten sind die heutigen Zeiten meiner Meinung nach gut. Schramm: Sie müssen sich sehr stark auseinandersetzen mit diesen Schwierigkeiten. Es gibt ein großes Projekt, nämlich die Bundesstiftung Baukultur, die Sie ja sehr stark wünschen. Warum wäre diese Stiftung so wünschenswert? Schmid: Die Bundesstiftung Baukultur sollte nach unserer Auffassung mit dazu beitragen, die breite Öffentlichkeit mehr für die Baukultur im eigentlichen Wortsinne, also querschnittorientiert, ganzheitlich, zu sensibilisieren. Denn es ist ja schon irgendwie erstaunlich, dass die Bürgerinnen und Bürger in der gebauten Umwelt täglich mit dieser gebauten Umwelt konfrontiert werden, die aus öffentlichen Räumen, aus Stadtstrukturen, aus Architektur im weitesten Sinne besteht, und dem gar nicht ausweichen können. Gleichwohl erfahren sie aber bei der Beurteilung der Qualität und der Qualitätsstandards dieser gebauten Umwelt eigentlich nur wenig Hilfestellung. Deshalb könnte meiner Meinung nach eine Bundesstiftung Baukultur dazu beitragen, sowohl im Inland mehr Sensibilisierung dafür zu erreichen als auch das Architektur- und das Ingenieurswesen im Ausland besser darzustellen. Und, das sage ich ganz offen, sie könnte dazu beitragen, die Chancen des deutschen Architektur- und Ingenieurswesens als Exportartikel zu stärken. Denn ich glaube, wir können hier in Deutschland auf unser Bauwesen insgesamt, auf unsere Baukultur durchaus stolz sein. Wir sind beispielsweise in der Frage des ökologischen Bauens weltweit mit an der Spitze. Auch die Präzision, die Zeitgenauigkeit und die Kostengenauigkeit der deutschen Architektur ist beispielhaft. Dies könnte und sollte eben noch besser nach außen dargestellt werden. Schramm: Wie groß ist denn die Chance, dass diese Bundesstiftung zustande kommt? Schmid: In der letzten Legislaturperiode ist sie ja erst sozusagen auf der Zielgeraden gescheitert. Sicherlich auch deswegen, weil in der vorausgegangenen Legislaturperiode ein gewisses Machtpatt zwischen Bundestag und Bundesrat bestand. Der Bundestag hatte diese Bundesstiftung Baukultur in erster, zweiter und dritter Lesung angenommen: in zweiter und dritter Lesung sogar einstimmig, also auch mit allen Stimmen der damaligen Opposition. Auch die Bauministerkonferenz der Länder, eine ständige Einrichtung, bei der die für das Bauen zuständigen Minister der einzelnen Länder regelmäßig tagen, hatte sich für die Einrichtung dieser Bundesstiftung Baukultur ausgesprochen. Gleichwohl ist dieses Vorhaben dann aber mit dem Argument, dass Kultur Ländersache sei und der Bund keine Kompetenz im Kulturbereich habe, im Bundesrat gescheitert – insbesondere aufgrund der Stimmen der Länder Bayern, Baden-Württemberg und Hessen. Das scheiterte also, wie wir zu sagen pflegen, an der "Südschiene". Das Hauptargument lautete, wie gesagt, dass der Bund eigentlich keine Kulturkompetenz hätte. Dies ist aber doch in gewisser Weise eine Verkennung dessen, was mit dieser Stiftung eigentlich gemeint ist. Erstens soll diese Bundesstiftung die Öffentlichkeit sensibilisieren. Sie soll auch eine gewisse Eigenverantwortlichkeit des Bundes für die eigenen Bauvorhaben dokumentieren, nämlich in den eigenen Bauvorhaben auch wirklich Baukultur zu praktizieren. Das betrifft nicht nur das fertiggestellte Werk und es geht dabei auch nicht nur um Ästhetik. Stattdessen bedeutet Baukultur den Prozess, die Transparenz dieses Prozesses. Gemeint ist damit letzten Endes auch eine hohe Qualität in der Vergabestruktur, in der Art und Weise, wie so ein Bauvorhaben entsteht: z. B. durch öffentliche Wettbewerbe, also durch einen Wettstreit der besten Ideen für größere Bauvorhaben. Die Architektenkammern fordern ja immer wieder diesen Wettbewerb, einen Wettbewerb, der natürlich auch seine Schwierigkeiten hat in der Umsetzung durch den Auslober. Wegen der schlechten Auftragslage gibt es heute im Gegensatz zurzeit vor etwa 15 Jahren bei solchen Wettbewerben natürlich sehr, sehr hohe Bewerberzahlen. Dies macht so einen Wettbewerb schwierig, das geben wir sofort zu. Gleichwohl ist es aber so, dass der offene Wettbewerb das richtige und interessanteste Mittel ist, um hierbei das Beste zu erreichen. So ein Wettbewerb ist der beste Lösungsweg für dieses Problem, denn hierbei werden unterschiedliche Lösungsvorschläge für eine bestimmte Aufgabenstellung auf den Tisch gebracht. Auch die Vermittlung in die Öffentlichkeit kann dadurch verbessert werden und damit natürlich auch die Akzeptanz solcher Bauvorhaben. Auch auf diesem Weg wird also letztlich Baukultur vermittelt. Schramm: Das wäre sehr wünschenswert. Der Berufsstand, den Sie vertreten, hat ja besondere Konjunkturzyklen erlebt. Vor zehn, 15 Jahren gab es den großen Bauboom im Osten: Es gab für jeden Architekten viel zu tun. Heute jedoch gibt es in dieser Branche große Schwierigkeiten. Ich habe gelesen, dass jedes dritte Architekturbüro wirtschaftlich am Abgrund stünde. Ist die Lage wirklich so ernst? Schmid: Ja, sie ist sehr ernst. Ich würde diese Zahl sogar noch ein wenig nach oben korrigieren wollen. Gemäß den letzten Zahlen der Bundesstatistik, die vor einem Monat allerdings nur für das Jahr 2004 und noch nicht für 2005 veröffentlicht worden sind, haben 40 Prozent der bestehenden Architekturbüros in der Bundesrepublik – das sind etwas über 35000 Büros – einen Jahresumsatz von weniger als 50000 Euro. Das ist natürlich schon an der absolut untersten Kante. Wenn man da noch Fixkosten wie Büromiete usw. abzieht, dann kann man sich leicht ausrechnen, wie hoch das Monatseinkommen dieser Architekten liegt. Es handelt sich dabei auch häufig um Einmannbüros, wie man sagen muss. Es gibt in Deutschland eine Struktur auf diesem Gebiet, die aus vielen, vielen kleineren und kleinen Büros besteht. Aber es ist auch gar nicht erstaunlich, dass im Augenblick die Zeiten schwierig sind. Erstens ist es so, dass die öffentliche Hand, also der Bund, die Länder und vor allem auch die Kommunen finanziell quasi am Tropf hängt: Als Auftraggeber fällt die öffentliche Hand, verglichen den vergangenen Jahrzehnten, heute weitgehend aus. Hinzu kommt noch, dass wir in der Bundesrepublik eben auch eine ganz besondere Situation haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg, also so ungefähr ab 1948, gab es in Deutschland ja einen Wiederaufbau unvergleichlichen Ausmaßes, nachdem sehr, sehr große Teile Deutschlands im Krieg zerstört worden waren. Dies bedingt, dass wir heute einen relativ hohen Anteil an neuer Bausubstanz haben. Es wurden also in den letzten Jahrzehnten sehr, sehr viele Bauaufgaben geleistet, sodass sich heute unserer Überzeugung nach unsere Aufmerksamkeit wieder mehr dem bereits Gebauten zuwenden muss. Hier gäbe es unglaublich viel zu tun, z. B. bei der Ertüchtigung der Siedlungen, die in den fünfziger und sechziger Jahre gebaut wurden, bei den Hochhaussiedlungen aus den sechziger und siebziger Jahren. Alle diese Gebäude entsprechen hinsichtlich des energetischen und des hygienischen Standards usw. nicht mehr wirklich unserer Zeit. Ich denke, dass unsere Aufmerksamkeit wieder stärker dieser Bestandsbewahrung gelten muss: Es geht also um Umbau und um Revitalisierung auch von ganzen Städten, Stadtquartieren, Stadtbereichen usw. Schramm: Welche Rolle spielt denn die weggefallene Eigenheimzulage? Schmid: Das ist natürlich insofern ein etwas schwieriges Thema, als die Eigenheimzulage erstens der größte Fördertopf der Bundesregierung gewesen ist. Das ist in der Öffentlichkeit gar nicht wirklich bekannt: Das war der größte, einzelne Subventionsbereich. Von seiner Konstruktion her sollte er natürlich auch Eigentum schaffen: Das ist zunächst einmal absolut positiv zu beurteilen. Gleichwohl haben Kritiker der Eigenheimzulage bereits seit langem ins Feld geführt, dass es da natürlich sehr viele Mitnahmeeffekte gegeben hat. Das heißt, Personenkreise, die im Hinblick auf ihre finanziellen Möglichkeiten so oder so bauen könnten und bauen würden, haben diese Eigenheimzulage selbstverständlich auch noch mitgenommen. Wir haben uns als Bundesarchitektenkammer und ich als deren Präsident im Vorfeld der Diskussion um die Abschaffung der Eigenheimzulage durchaus dafür ausgesprochen, diese Zulage in der jetzigen Form abzuschaffen. Wir waren auch dafür, die Pendlerpauschale abzuschaffen bzw. zu kürzen. Warum? Diese beiden Dinge ergeben in der Kombination folgenden Effekt: Die Innenstädte vor allem in den Großstädten haben Einwohner verloren durch die Fluktuation, durch die Wanderung ins Umland. Die Konsequenz dieser Wanderung war ein unglaublich hoher Flächenverbrauch, ein Verbrauch von zusätzlichen Ressourcen... Schramm: ... und Zersiedlung. Schmid: Genau, das Stichwort "Zersiedlung" ist hier sehr, sehr wichtig. Es wurden durch diese Wanderung aber auch neue Verkehrsströme geschaffen, die wiederum einen erhöhten Energieverbrauch zur Folge hatten. Durch das Preisgefälle von der Großstadt zum Umland konnte natürlich trotzdem im Umland mehr Eigentum geschaffen werden als in den Innenstädten. Das heißt, diese Eigenheimzulage und die Pendlerpauschale haben Tendenzen unterstützt, die gesamtwirtschaftlich und entwicklungspolitisch betrachtet nicht unbedingt nur positiv zu sehen sind. Wir haben uns deshalb aber auch gegen den Slogan "Bildung statt Beton" gewehrt, denn das war mit diesem Schlagwort eine Vereinfachung, die die Realität verzerrt hat. Wir haben stattdessen gesagt, die Aufmerksamkeit muss wieder stärker in die Innenstädte gelenkt werden: Wir müssen dort unseren Bestand bewahren! Das ist übrigens auch eine kulturhistorische Aufgabe. Da geht es nicht nur um das UNESCO-Welterbe, denn das wäre noch einmal ein ganz anderes Thema. Nein, es geht darum, dass unsere Städte ein Kulturprodukt unserer Vergangenheit sind. Diese Städte zu bewahren ist eine wichtige, kulturhistorische Aufgabe. Sie nach heutigen Standards zu ertüchtigen muss die Aufgabe der Zukunft sein. Deshalb haben wir gesagt: Mittel, die zur Eigentumsbildung vorhanden sind, sollen dafür verwendet werden. Und man muss ja auch noch bedenken, dass die Eigentumsbildung zunehmend den Aspekt der Altersvorsorge hat. Auch das muss man nämlich aufgrund der demographischen Entwicklung unserer Gesellschaft beachten: Eigentumsbildung ist hier ein sehr guter Weg zur Alterssicherung. Wir meinen also, dass die Mittel, die zur Eigentumsbildung vorhanden sind, stärker in die Ertüchtigung unserer Innenstädte gesteckt werden sollen, um dort Werte zu schaffen bzw. zu erhalten. Schramm: Ein Argument bei der Abschaffung der Eigenheimzulage war ja auch, dass es eine Million Wohnungen zu viel gibt – allerdings am falschen Platz, nämlich im Osten Deutschlands. Ein weiteres Argument war die von Ihnen bereits angesprochene demographische Entwicklung. Wir werden nicht nur älter, sondern auch definitiv weniger werden. Ist denn vor diesem Hintergrund überhaupt noch eine goldene Zukunft für die Architekten vorstellbar, also vor dem Hintergrund, dass wir ganz einfach ein schrumpfendes Volk sind? Schmid: Ich hatte ja schon gesagt, dass vieles von dem, was wir wirklich brauchen, bereits gebaut ist. Das heißt, ein großer Teil der Aufgaben der Architekten ist weggefallen. Ich würde aber als Gegenargument z. B. ins Feld führen, dass das ganze Spektrum – ich meine also nicht nur die Hochbauarchitektur, sondern auch die Stadtplanung, die Innenarchitektur, die Landschaftsarchitektur – sehr, sehr unterschiedlich zu betrachten sind. Aufgrund der demographischen Entwicklung haben wir es in der Bundesrepublik mit einigen wenigen Ballungszentren zu tun, die immer noch wachsen. München ist einer dieser Fälle, Hamburg ein anderer. Auch in Stuttgart ist das immer noch mehr oder weniger so. Aber dann hat es sich auch schon weitgehend. Auf der anderen Seite gibt es große Gebiete, in denen tatsächlich ein Bevölkerungsschwund zu verzeichnen ist. Dort sind leer stehende Wohnungen in sehr, sehr großer Zahl vorhanden. Aber auch das Schrumpfen der Städte bedarf der Planung! Dieser Vorgang der Anpassung an neue Konditionen, der für die Gesellschaft insgesamt von höchster Bedeutung ist, der für das Wohlergehen der Gesellschaft, der für den gesellschaftlichen Frieden, der für die Qualität des Lebens und des Wohnumfeldes von höchster Bedeutung ist, bedarf genauso der Planung wie das Wachsen. Dass das so ist, ist allerdings bis heute noch nicht in ausreichendem Maße in die Köpfe der Entscheidungsträger gedrungen. Wenn man diesen Anpassungs- und Schrumpfungsprozess dem Zufall überließe, dann würde das zur so genannten perforierten Stadt führen. Das heißt, das würde Stadtgebilde ergeben, die hier und dort schlicht Löcher haben. Das wäre so, als würde Ihre oder meine Jacke links und rechts durchgestoßene Ellbogen haben. Das kann aber doch nicht das Bild der Zukunft unserer Städte sein. Hier vernünftige Strukturen aufrecht zu erhalten oder sie neu zu schaffen, bedeutet eine riesengroße Chance. Diese Chance müssen wir wahrnehmen. Gleichzeitig müssen wir mehr tun für die energetische Ertüchtigung unseres Bestandes, für die Bewahrung des kulturellen Erbes, also dessen, was an Wert vorhanden ist. Es geht also darum, nicht notfalls an der falschen Stelle etwas abzureißen, obwohl wir um das Abreißen insgesamt wohl nicht ganz herumkommen werden. Und es geht nach meinem Dafürhalten auch darum, die Durchdringung von Stadt als gebauter Umwelt und Natur als Landschaft wieder etwas anders zu organisieren. Nach meiner Überzeugung muss das stärker gemäß den historisch gewachsenen landschaftlichen Strukturen geschehen. Viele der Probleme, die wir geschaffen haben, können so am Ort des Entstehens quasi bekämpft werden. Nehmen Sie als Stichwort die für die Zukunft zu erwartenden Niederschläge. Wir können ja davon ausgehen, dass es durch den Klimawandel zu Starkregenereignissen kommen wird, wie wir sie bisher nicht erlebt haben. Das haben wir ja leider bereits in den letzten Jahren erkennen müssen. Es wird Stürme und Niederschläge von bisher nicht gekanntem Ausmaß geben. Denken Sie nur einmal an den Schneefall im vergangenen Winter: So etwas hat es in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten ja nur sehr, sehr selten gegeben. Um diese Dinge bereits dort in den Griff zu bekommen, wo sie entstehen, muss man sie bereits früher und in den Städten angehen und darf die Überschwemmungen nicht flussabwärts weitergeben, bis sie meinetwegen in den Niederlanden zur Katastrophe führen. Auch das sind Aufgaben, die wir anpacken müssen und das sind eben auch Aufgaben für Planer. Schramm: Das sind in der Tat große Aufgaben. Gleichwohl kann es sein, dass sie nicht groß genug sind. Es gibt sehr, sehr viele Architekten in Deutschland. Ich habe mal gehört, dass es alleine in München mehr Architekten geben soll als in ganz Frankreich. Ist die Zahl der Architekten einfach zu hoch? Schmid: Ob dieser Vergleich stimmt, kann ich im Augenblick nicht bestätigen. Aber wir sind nach meinem Kenntnisstand in der Tat hinsichtlich der Architektendichte in Europa führend – oder zumindest das zweite Land. Ich gehe also davon aus, dass auch hier aus den genannten Gründen peu a peu ein Anpassungsprozess stattfinden muss. Schramm: Würden Sie denn heute einem jungen Menschen raten, noch Architektur zu studieren? Schmid: Ja und nein. Wenn er weiß, was er will, und wenn er die Fähigkeiten hat, räumlich zu denken, kreativ zu sein, Strukturen entwickeln zu können und darin auch seine berufliche Erfüllung finden kann, dann würde ich sagen: "Werde Architekt!" Denn wir brauchen auch in Zukunft noch gute Architekten und Bauingenieure. In diesem Bereich ist es nun einmal genauso wie anderswo auch: Auch hier gibt es die sogenannten Schweinezyklen. Da gibt es in einem Moment ein Überangebot, das bewirkt, dass alle die Produktion dieses Produkts einstellen. In der Landwirtschaft bedeutet das, dass dann, wenn der Markt mit Schweinefleisch übersättigt ist, die Züchtung von Schweinen drastisch heruntergefahren wird. Wenn es dann aber keine Schweine mehr gibt, ist der Bedarf an Schweinen größer als das Angebot: Dies bedeutet, dass die Preise für Schweinefleisch nach oben klettern, was bewirkt, dass sich wieder alle auf die Züchtung von Schweinen verlegen. Diesen Zyklus gibt es sicherlich auch bei Planern, Architekten und Ingenieuren. Bei Ingenieuren im Maschinenbau – weniger im Bereich der Bauingenieure – sieht die Situation heute so aus, dass einfach nicht genügend Nachwuchsingenieure vorhanden sind. Insofern kann ich nur sagen: Denjenigen, die das Talent dazu haben, die in diesem Beruf ihre Erfüllung sehen, also in der Stadtplanung, in der Architektur usw., würde ich nach wie vor raten, das zu studieren und z. B. ein guter Architekt zu werden. Schramm: Gebäude werden ja nicht alleine von Architekten gebaut, sondern es braucht dazu auch vieler Bauarbeiter. Wenn man heute jedoch über eine Baustelle geht, dann hört man kaum mehr die deutsche Sprache. Auf den Baustellen hat man in der Regel mit Menschen zu tun, die sehr, sehr schlecht bezahlt werden. Das ist die Branche überhaupt mit den niedrigsten Löhnen: Das, was da stattfindet, befindet sich meines Erachtens wirklich knapp an der Sklaverei. Die Preise liegen angeblich auf dem Niveau vom Beginn der achtziger Jahre. Im letzten Vierteljahrhundert hat es also so gut wie keine Preisentwicklung gegeben. Wie weit schlägt diese Billigbausituation, die zwar in ganz Europa gang und gäbe ist, die aber in Deutschland besonders ausgeprägt ist, auf die Architektur durch? Wie weit schlägt sie durch auf den Architektenberuf? Schmid: Sie schlägt leider sehr stark durch. Das ist auch mit ein Grund dafür, warum wir uns so stark für die Errichtung einer solchen Bundesstiftung Baukultur einsetzen. Denn die Haltung in der Gesellschaft von heute insgesamt - alles muss möglichst billig sein! – läuft natürlich auch einem Wertesystem zuwider, das Qualität und Nachhaltigkeit fordert. Denn diese beiden Dinge sind nun einmal beim Bauen sehr, sehr wichtig. Hinzu kommt noch: Billig planen heißt teuer bauen! Dass nicht nur im Hochbau, sondern vor allem auch im Tiefbau in den letzten zwei Jahrzehnten die Preise tatsächlich nicht gestiegen sind, schlägt natürlich voll auf die Architekten durch. Denn unsere Honorare berechnen sich nun einmal nach den anfallenden Kosten. Es ist sogar so, dass die Preise nicht nur nicht gestiegen sind, sondern sie sind sogar gefallen, denn die Inflation hat ja in den letzten beiden Jahrzehnten nicht Halt gemacht. Die Preise sind also relativ gesunken und deshalb sind eben auch, wie vorhin bereits kurz angesprochen, die Einkommen der Architekten entsprechend gesunken. Insofern ist das eine ganz, ganz kritische Situation. Hinzu kommt noch, dass wir aufgrund der Anpassungszyklen, die es gegeben hat, natürlich auch sehr viel an Bestand in der Bauindustrie, im Bauhauptgewerbe verloren haben. Deutsche Arbeitnehmer sind hier wirklich reihenweise entlassen und durch Billigarbeitskräfte ersetzt worden. Das reicht ja bis hin zu einem grauen, wenn nicht gar schwarzen Markt. Insofern ist das in der Tat eine ganz, ganz kritische Situation. Schramm: Wie wird denn die Architektur der Zukunft aussehen? Ich weiß, dass das natürlich eine schwierige Frage ist. Aber es gab da ja z. B. auch die Überlegungen des Architekten Otto Steidle, der gesagt hat, die Architektur der Zukunft würde völlig flexibel werden. Es wird also fast schon industriebauartige Strukturen geben, die man je nach Bedarf entweder erweitern oder verkleinern kann. Ist möglicherweise dieser klassische Wohnbau, wie wir ihn bis heute gekannt haben - mit Stein und für 100 oder gar 200 Jahre gedacht – eine Architekturform der Vergangenheit? Was wird Ihrer Meinung nachkommen? Schmid: Hohe Flexibilität wird mit Sicherheit ein Thema sein, auch die Anpassungsfähigkeit und u. U. auch die Anpassung innerhalb eines Gebäudes selbst, also Wachsen und Schrumpfen ohne allzu großen Aufwand. Was bereits heute ein wichtiges Thema ist und in Zukunft noch wichtiger werden wird, ist die Nachhaltigkeit. Mit Nachhaltigkeit meine ich Folgendes, und damit sind wir erneut an dem Punkt von vorhin angelangt: Rein kurzfristige und temporäre Vorgehensweise kann nicht die Lösung sein. Eine gewisse Werthaltung muss also sehr wohl vorhanden bleiben. Innerhalb dieses Rahmens dann eine hohe Flexibilität zu erreichen, das ist die Aufgabe der Zukunft. Und es wird in Zukunft vor allem darum gehen, alle diese Dinge energetisch zu ertüchtigen. Das heißt, unser Ziel muss eigentlich das Null-Energiehaus sein, also nicht nur das Passivhaus. Wir brauchen eine Lösung, bei der das Wohnen nicht mehr den Energieverbrauch wie heute hat. Denn man muss einfach wissen, dass 40 Prozent unseres Energieverbrauchs durch die Wohn- und Industriegebäude verursacht werden. Wenn man das weiß, dann versteht man auch, dass unsere Zukunft eigentlich nur dann gelingen kann, wenn wir in diesen Bereichen wirklich Quantensprünge machen. Hier kommt noch hinzu, dass wir in der Bundesrepublik natürlich ein hoch entwickeltes Industrieland sind und daher ganz andere Voraussetzungen haben als auf globaler Ebene der Rest der Welt. Es gibt hier also ein ganz spezifisches Moment an Spannung: Wir müssen hier bei uns von einer schrumpfenden Gesellschaft ausgehen, von einer Gesellschaft, die immer älter wird. Diese Probleme müssen wir in Zukunft meistern. Gleichzeitig müssen wir aber auch Lösungen finden für die globale Situation, denn weltweit gibt es ja nach wie vor einen ungeheuren Anstieg der Bevölkerungszahlen. Wenn Indien mit einer Milliarde Einwohnern, wenn China mit 1,3 Milliarden Einwohnern in etwa an den Lebensstandard der Europäer herankommen wollen, dann wird das unser blauer Planet nicht verkraften, wenn sie dabei den gleichen Energieverbrauch haben wie wir heute. Und wir Europäer sind ja sogar noch relativ gut gegenüber den Amerikanern. Auch das sind also Aufgaben für uns als Planer. Auch wir müssen also über den Tellerrand hinausblicken. Schramm: Das sind in der Tat riesengroße Aufgaben. Welche Rolle können denn dabei deutsche Architekten spielen, die ja aufgrund der Marktsituation hier im Inland große Probleme haben? Das Stichwort lautet also: deutsche Architektur als Exportschlager. Schmid: Ich bin der Überzeugung, dass wir eine wesentlich größere Rolle als derzeit haben können, dass wir uns diese größere Rolle aber erst erarbeiten müssen. Ich werde morgen aufbrechen und nach Peking fliegen, um dort in der deutschen Botschaft in Peking eine Internetplattform vorzustellen, nämlich http://www.planned-in-germany.de und eine chinesische Broschüre unseres Netzwerks Architekturexport (NAX). Denn wir sind nun einmal auf dem Gebiet der grünen Architektur, der Nachhaltigkeit, beim Energiesparen in den Gebäuden im internationalen Vergleich wirklich mit an vorderster Front. In China gibt es ja momentan einen riesengroßen Bauboom. Wenn dieser Bauboom sich in der jetzigen Dimension fortsetzt und wenn dort in China nach den alten Strickmustern gebaut wird, wie es sie in weiten Teilen der Welt heute noch gibt – mit dem entsprechenden Energieverbrauch, mit den Umweltbelastungen durch Abwasser, Abluft, Feinstaub usw. –, dann wird das zu einer Umweltbelastung führen, die keinen freuen kann. Das heißt, wir müssen de facto die Technologien der Zukunft entwickeln und sie dann exportieren. Ich habe gestern Abend einen Vortrag von Klaus Töpfer gehört, des ehemaligen UNEP-Executiv-Directors, in dem er Weltkarten mit verschiedenen Indikatoren gezeigt hat. Da gab es z. B. eine Weltkarte, bei der als Maßstab der Energieverbrauch pro Kopf genommen wurde. Nordamerika ist auf dieser Karte ein riesengroßer Ballon. Europa ist auch ein riesengroßer Ballon, Japan und Korea ebenfalls. Afrika ist hingegen nur so etwas wie ein Blinddarm geringsten Ausmaßes. Das zeigt, dass dann, wenn wir in der Dritten Welt den Lebensstandard anheben wollen – was nicht nur unter wirtschaftlichen Aspekten in Zukunft eine Notwendigkeit sein wird –, diese Ballons auch dort wachsen werden. Aber irgendwann wird auf diesem Planeten nicht mehr genügend Platz sein, um all diese Ballons aufnehmen zu können. Das heißt also, wir müssen hier unseren Energieverbrauch reduzieren: Wir müssen eine Technologie schaffen, mit der wir eine Verbesserung des Lebensstandards weltweit erreichen können, ohne dabei gleichzeitig einen Energieverbrauch und eine Umweltbelastung zu haben, wie sie heute der Fall sind. Schramm: Herr Professor Schmid, Sie selbst sind Landschaftsarchitekt. Wie kam denn dieser Schwerpunkt zustande? Wollten Sie nicht in die Höhe bauen? Was hat Sie zur Landschaftsarchitektur gezogen? Schmid: Meine Berufsentscheidung war eine absolut freiwillige, ich wusste bereits mit 14, 15 Jahren, was ich eines Tages werden möchte. Ich habe schon im Gymnasium in den Sommerferien immer in einem Betrieb gearbeitet, der nach dem damaligen Strickmuster noch Planung, Ausführung, Pflanzenanzucht usw. unter einem Dach hatte. Sie hatten ja vorhin mal nach der "goldenen Zeit" gefragt. Ganz, ganz früher, in der Renaissance gab es ja das Bild vom Universalgenie, das alles konnte: Das war dieser Typus Leonardo da Vinci. Vor 100 Jahren war auch der Hochbauer noch der Baumeister, der mit auf der Baustelle war und dort gelebt hat. Er hat gesehen, wie die Gebäude entstanden und ist quasi mit ihnen mitgewachsen. Noch vor ein paar Jahrzehnten, als ich in die Schule ging, war es so, dass sehr viele Landschaftsarchitekten, Landschaftsplaner oder Gartengestalter sowohl die Planung wie auch die Ausführung gemacht haben. Das hatte sehr wohl auch Vorteile, weil man dabei einen ganzheitlichen Eindruck von dieser Branche bekommt. Noch vor einigen Jahrzehnten war es ja auch für das Hochbaustudium, also das Architekturstudium gang und gäbe, davor eine Maurer- oder Zimmererlehre zu machen. Die Verknüpfung mit der Praxis war auch hier noch vor einigen Jahrzehnten viel stärker, als das heute der Fall ist. Ich habe also immer in den Schulferien in diesem Betrieb gearbeitet und mich in der Schule auch sehr, sehr stark für Biologie interessiert. Aus diesem Interesse heraus kam es dann mehr oder weniger zwangsläufig so, dass ich mich nach dem Abitur in diese Richtung orientiert habe, um in Freising, genauer gesagt in Weihenstephan, also in der Nähe von München, Landschaftsgestaltung zu studieren. Schramm: So schön die Landschaftsgestaltung ist, aber ist das nicht immer auch ein bisschen so etwas wie der Luxusteil eines Baus? Wenn etwas gebaut wird und dann der Garten hinzukommt, dann meinen einige Bauherren, gerade dabei ein wenig sparen zu können. Denn das ist ja doch nicht das Obdach, in dem man letztlich wohnt oder arbeitet. Merken Sie das sehr in der Gartenarchitektur? Schmid: Das ist immer schon ein Thema gewesen, von Anfang an: nicht so sehr im privaten Bereich, wo Haus und Garten doch eher als große Einheit gesehen werden. Aber es ist in der Tat so: In der öffentlichen Einschätzung, auch in der Einschätzung der Bauherren – selbst dann, wenn das die öffentliche Hand ist – ist das häufig so. Das liegt an zwei Faktoren. Erstens ist die Gestaltung der Außenanlagen immer das Letzte, was gebaut wird. Alle Kostenüberziehungen in den Phasen davor führen dann dazu, dass am Ende gespart werden muss, weil das Budget insgesamt sonst überzogen werden würde. Das heißt, bei uns wird immer gespart. Das ist der eine Aspekt. Der andere Aspekt ist, dass tatsächlich viele glauben, dass man dort am ehesten sparen kann. Dies ist aber eine Fehleinschätzung. Denn nachgewiesenermaßen trägt die Umgebung und die Gestaltung des Umfeldes zur Wertermittlung der Investition insgesamt relativ mehr bei, als sie gekostet hat. Hier gibt es also eine gewisse Fehleinschätzung. In Wirklichkeit ist es jedoch so: In der Erweiterung des öffentlichen Raumes beispielsweise in der Stadt kommt dem Grün im Hinblick auf die Wohn- und Lebensqualität eine unglaublich hohe Bedeutung zu. Das geht bis hin zur Lösung von Umweltbelastungen wie z. B. dem Feinstaub. Grüne Strukturen absorbieren nämlich de facto Feinstaub aus der Luft. Sie nehmen im Übrigen auch CO2 auf, wo doch heute alle von der CO2-Belastung sprechen. Grüne Strukturen produzieren sogar O2, also Sauerstoff. Das ist eine therapeutische Leistung des Grüns, die leider häufig verkannt wird. Trotzdem bin ich aber froh, Landschaftsarchitekt geworden zu sein, denn ich kann sagen, dass mehr oder weniger alles, was ich in meinem Berufsleben gemacht habe, eigentlich zum Wohle der Allgemeinheit beigetragen hat. Das können nur wenige von sich sagen. Schramm: Das ist in der Tat schön. Sind unsere Städte eigentlich insgesamt grün genug? Schmid: Ja und nein, denn auch hier gibt es Verbesserungsmöglichkeiten. Ich denke, dass es aufgrund der historischen Entwicklung Bereiche gibt, in die auch heute nicht unbedingt Grün rein muss. In die historische mittelalterliche Stadt gehört kein Grün großen Ausmaßes. Das war auch früher nicht so, denn das ist einfach die urbane steinerne Stadt – und die soll auch so bleiben. Aber heute haben wir natürlich eine ganz andere Situation als im Mittelalter. Ich würde hier das "Grün" ein wenig ausdehnen wollen auf den Aspekt "nutzbarer Freiraum". Nutzbarer Freiraum ist nämlich hier bei uns in Deutschland ein Problem, gerade mit Blick auf Kinder und Jugendliche. Ich glaube, dass das Phänomen des Geburtenrückgangs auch damit zu tun hat, dass unsere Gesellschaft insgesamt nicht so kinderfreundlich ist, wie sie eigentlich sein sollte. Wir schaffen für unsere Kinder nicht das Umfeld, das wirklich förderlich wäre hinsichtlich dieses Aspekts des gesellschaftlichen Lebens. Hier können wir noch viel tun. Schramm: Ein bisschen Abhilfe sollen da ja Gartenschauen schaffen. Sie selbst waren auch an der Bundesgartenschau BUGA hier in München beteiligt. Sie fand leider nicht die Publikumsresonanz, die man sich erhofft hatte. Sind denn diese Gartenschauen heute wirklich noch zeitgemäß? Oder sind sie sogar wichtiger denn je? Schmid: Die Schwierigkeit bei solchen Fragen ist immer die, dass es darauf meines Erachtens keine eindeutigen Antworten geben kann. Denn hier ist als Antwort ein "sowohl als auch" richtig. Gartenschauen gibt es ja nun schon seit ungefähr 120 Jahren. Die erste Gartenschau gab es in Hamburg, ich glaube, das war im Jahr 1888. Aber bitte, das ist nicht zitierfähig, das weiß ich nicht genau, das kann auch im Jahr 1884 gewesen sein. Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Gartenschauen in ihrer Art eine ganz wichtige Bedeutung: Ab 1950 bzw. 1951 wurden mit den Gartenschauen alle zwei Jahre wirklich Meilensteine in den jeweils verschiedenen Phasen der Entwicklung unseres Landes geschaffen. Zuerst einmal ging es in den frühen Jahren um das Aufräumen der Kriegsschäden. Danach ging es z. B. um die wirklich zukunftsfähigen Lösungen für die Einbettung von Verkehrsinfrastruktur in Stadtgebilde: Es ging um den notwendigen Umbau der Städte, um die Anpassung an die Entwicklung des Individualverkehrs. Noch in den fünfziger Jahren konnten wir diese Entwicklung des Individualverkehrs überhaupt nicht vorhersehen. Danach ging es um das Schaffen von neuen Grünflächen und um die Ertüchtigung von alten Grünflächen. Bei den Gartenschauen ist für all diese Bereiche immer wieder sehr viel Beispielhaftes kreiert worden. Auf der anderen Seite hat sich bei den Gartenschauen aber auch die Show eingebürgert, die sehr, sehr stark nach dem Publikumsgeschmack ausgerichtet sein musste, um das zu erreichen, woran der Erfolg von Gartenschauen in der Öffentlichkeit und in den Medien gemessen wurde: Zuschauer- und Besucherzahlen. Wobei ich aber sagen möchte, dass Besucherzahlen nicht unbedingt der wirklich wahre Maßstab für die Messung des Erfolgs, der Qualität oder Nicht-Qualität einer solchen Veranstaltung sind. Insofern leiden Gartenschauen vielleicht ein bisschen an Ermüdungserscheinungen aufgrund von Wiederholung. Auf der anderen Seite kenne ich aber im Augenblick neben dem Instrument Gartenschau keinen anderen Motor, keine Lokomotive, die in der heutigen Zeit eine derartig großflächige Schaffung von Grünflächen erreichen könnte, wobei es unerheblich ist, ob es sich dabei um eine Landesgartenschau, eine Bundesgartenschau oder um eine internationale Gartenschau handelt. Früher, vor einigen Jahrhunderten, war es ja so: Da konnte lediglich auf Beschluss eines Fürsten in München ein Englischer Garten geschaffen werden. Dieser Englische Garten erfreut die Münchner bis heute. Diesen Fürsten, diesen König, diesen Feudalherrn gibt es heute jedoch nicht mehr. Die Demokratie tut sich naturgemäß sehr, sehr viel schwerer, solche Dinge zu schaffen. München hätte z. B. keinen Westpark, wenn es die IGA im Jahr 1983 nicht gegeben hätte. Und dass München-Riem neben der Messe, neben der Wohnsiedlung Riem nun auch den Landschaftspark Riem hat, ist ein Meilenstein in der Entwicklung der Landeshauptstadt München. Leider war es aber in München so, dass da auf dem Gelände eines ehemaligen Flughafens moderne und kreative Parkgestaltung gemacht werden musste. Es wurde in der Tat eine kreative und moderne Parkgestaltung geschaffen, aber dieses Gelände hatte nun einmal keinen alten Baumbestand und konnte ihn innerhalb von nur wenigen Jahren naturgemäß auch nicht haben. Schramm: Das Gelände war völlig plan: Das war nun einmal ein ehemaliger Flughafen. Schmid: Genau, das Gelände der Gartenschau war völlig eben. Deswegen konnte dort ein ganz bestimmter Aspekt nicht gebracht werden, der aber in der Wertschätzung gerade der Besucher einen sehr, sehr hohen Rang hat: Das ist das Ambiente von großen, von hoch gewachsenen Bäumen, die eine Parksituation schaffen. Wenn Sie wollen, ist das bzw. wäre das mehr oder weniger der englische Landschaftsstil, den wir seit 150 Jahren kennen und der in der öffentlichen Auffassung nach wie vor so ein bisschen idealtypisch ist für die Parkgestaltung. In Riem ist aber aufgrund des fehlenden hohen Baumbestandes etwas anderes geschaffen worden. Dieser Landschaftspark Riem ist ja durch einen Wettbewerb entschieden worden. Ich selbst war übrigens Juryvorsitzender im Wettbewerb für den Landschaftspark, den dann der französische Kollege Gilles Vexlard gewonnen hat. In Riem wurde ein neuer Zugang zur Landschaftsästhetik geschaffen – und das in unmittelbarer Nachbarschaft zur Messe-Riem, zum Wohnquartier Riem und entsprechend den Dimensionen der heutigen Zeit. Wir haben heute nun einmal andere Dimensionen und Strukturen als damals bei der Anlage des Englischen Gartens: Damals musste auf die damaligen Strukturen eingegangen werden. Die Anforderungen, die sich aus den heutigen Strukturen und Dimensionen ergeben, zu verarbeiten ist natürlich eine schwierige Sache. Das Problem war letztlich, dass nach dieser Verarbeitung die Vermittlung leider nicht so ganz geklappt hat. Schramm: Ich möchte noch einmal ganz kurz zum Hochbau zurückkehren. Wir haben ja nicht nur einen harten Winter hinter uns, sondern auch einen Winter, der für einen ziemlichen Schrecken gesorgt hat: Es sind Dächer unter der großen Schneelast zusammengebrochen. In Bad Reichenhall ist es dadurch zu einer Katastrophe gekommen. Das hat etwas in die Diskussion gebracht, was man vorher so gar nicht kannte: dass nämlich hierzulande Gebäude möglicherweise gar nicht so sicher sind, wie man immer gemeint hatte. Wie viele Zeitbomben ticken denn da? Wie konnte das passieren? Gibt es da noch mehr Gefahren als diese Holzleimbinder, die da in Bad Reichenhall offenbar ursächlich waren für das Unglück? Ist in den siebziger Jahren vielleicht sogar leichtsinnig gebaut worden? Schmid: Ich würde nicht unbedingt sagen, dass in den siebziger Jahren leichtsinnig gebaut worden ist. Auch in Bad Reichenhall ist die Ursache letztendlich noch nicht ganz geklärt. Man vermutet wohl, dass es mit diesen Holzleimbindern zu tun hatte – und auch mit einer anderen Nutzung als ursprünglich geplant, die wiederum ganz spezifische Auswirkungen hatte. Dies zeigt uns aber schon, wie komplex diese Materie ist. Ich meine, dass wir in der Vergangenheit sehr wohl sehr sicher und verantwortungsbewusst gebaut haben – auch mit unserem Vier- oder Sechsaugenprinzip. Denn da gibt es ja in der Regel den Architekten, der für das Gebäude und den Entwurf zunächst zuständig ist, dann gibt es den Statiker, der die strukturellen Komponenten, die Sicherheit, also die Standfestigkeit und Sicherheit der Konstruktion überprüft. Darüber hinaus gibt es noch den Prüfstatiker, der diese Statik noch einmal überprüft. Auf diese Weise wird also bei uns ein Gebäude gemäß dem Sechsaugenprinzip hergestellt. Ich glaube, da haben wir doch einen Sicherheitsstandard, der sich auch im weltweiten Vergleich absolut sehen lassen kann. Ein bisschen schwieriger wird es dann nach der Fertigstellung der Gebäude, weil dann die Verantwortung de facto ja an den Bauherrn übergeht, also an die Kommune, an den privaten Besitzer, an den Bund, an eine Firma, die Eigentümerin dieses Gebäudes ist usw. Wir hatten hier in der Vergangenheit eigentlich keine fixen Regeln – wie beispielsweise bei der technischen Überprüfung von Kraftfahrzeugen durch den Technischen Überwachungsverein, durch die DEKRA usw. –, um regelmäßig die Tauglichkeit eines Gebäudes zu überprüfen, wenngleich man sagen muss, dass diese Prüfung in den meisten Bundesländern immer ganz eindeutig in der Verantwortung des Eigentümers lag und liegt. Die Diskussion, die nun auch zwischen Bund und Ländern entbrannt ist, dreht sich um die Frage, ob die Einführung einer regelmäßigen Überprüfung Abhilfe und zusätzliche Sicherheit schaffen könnte. Die Experten sind sich aber noch nicht einig, was hier der richtige Weg ist. Denn die Verantwortlichkeit ist ja, wie gesagt, eindeutig geregelt. Dass es im letzten Winter zu einem solchen Unglück gekommen ist, ist natürlich höchst bedauerlich. Die Frage ist in der Tat, wie man hier Abhilfe schaffen kann – und zwar mit einem vertretbaren Aufwand auf der Kostenseite. Denn die Kommunen haben ja teilweise sehr, sehr viele solcher Dächer und Gebäude. Es gibt aber bei dieser ganzen Problematik noch einen anderen Aspekt, der nicht ganz aus den Augen verloren werden darf. Ich weiß nicht, ob Sie sich daran erinnern können: In Berlin wurde vor knapp 50 Jahren durch den amerikanischen Architekten Hugh Stubbins die damals von den Berlinern liebkostend "schwangere Auster" genannte Kongresshalle gebaut: Das war eine Halle mit einem unglaublich eleganten Dach. Dieses Dach ist jedoch nach ein paar Jahren eingestürzt! Das war damals die Kante der technischen Entwicklung, des technisch Machbaren. Um Zukunft gestalten zu können, müssen wir aber meiner Meinung nach auch immer wieder an diese Kante herangehen, denn sonst bleiben wir beim Erprobten und Bewährten einfach sitzen und generieren keinen Fortschritt, weder in der Materialität noch in der Konstruktion all dieser Dinge. Eine gewisse Risikobereitschaft muss also schon auch vorhanden sein, um die Zukunft gestalten zu können. Dies nun auszutarieren und die öffentliche Sicherheit dabei in ausreichendem Maße sicherzustellen, ist natürlich eine herausragende Aufgabe. Ich vermute aber, dass sich Unfälle und Unglücke nicht hundertprozentig vermeiden lassen. Schramm: Absolute Sicherheit wird es also nie geben, auch unter deutschen Dächern nicht. Gleichwohl wird es technischen Fortschritt geben, der auch sinnvoll sein wird. Professor Schmid, vielen Dank für dieses Gespräch. Zu Gast beim alpha-forum war heute der Präsident der Bundesarchitektenkammer, Professor Arno Schmid.
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