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Kammerversammlung der Hamburgischen Architektenkammer am 14.11.2005 - Aktuelle Probleme der Berufspolitik
Anrede Zunächst einmal möchte ich Ihnen für die Einladung danken, heute hier über aktuelle Probleme der Berufspolitik zu sprechen. In Zeiten, in denen der Wind den Architekten ins Gesicht bläst, sind Zusammenhalt und Zusammenarbeit wichtiger denn je. Das Amt des Präsidenten der Bundesarchitektenkammer habe ich deshalb mit der festen Absicht angetreten, die Architektenkammern der Länder und die Bundesarchitektenkammer noch stärker zusammenzuschweißen. Den unmittelbaren persönlichen Kontakt halte ich dabei für außerordentlich wichtig. Deshalb habe ich auch schon mehrere Besuche in verschiedenen Länderkammern absolviert. Die Gespräche, die sich bei dieser Gelegenheit ergeben haben, haben mir hilfreiche Impulse für die weitere berufspolitische Arbeit gegeben. So hoffe ich auch, dass wir uns heute mit guten Ideen gegenseitig befruchten können. Nach diesen eher einleitenden Vorbemerkungen nun aber zum eigentlichen Thema meines Vortrags, den aktuellen Problemen der Berufspolitik: Eine Krise als Chance zu verstehen, ist sicher kein neues Rezept, aber ein Rezept, das immer noch wirkt. Wir müssen uns den anstehenden Herausforderungen mit dem Mut zur Veränderung stellen. Mit bloßer Besitzstandswahrung lässt sich heute kein Blumentopf mehr gewinnen. Mit Panikmache aber auch nicht. Wir müssen deshalb nüchtern analysieren, wo wir heute stehen, und dann überlegen, welche Wege wir beschreiten können. Bei meiner Analyse möchte ich mich auf fünf Kernprobleme konzentrieren. Erstens. Wir kämpfen gegen eine mangelnde öffentliche Wahrnehmung von Baukultur, immer noch. Durch unsere zahlreichen eigenen Aktivitäten, mit denen wir für eine gut gestaltete Umwelt werben, entsteht bei uns manchmal vielleicht der Eindruck, alle reden inzwischen von Baukultur. Doch das ist eine Selbsttäuschung, wie wir zuletzt bei den Koalitionsverhandlungen in Berlin beobachten konnten und mussten. Die Frage war immer, wer wird Verkehrsminister. Die Frage war manchmal auch, wer wird Minister für den Aufbau Ost. Die Frage war aber nie, wer wird Bauminister. Bauen erscheint also immer noch als vernachlässigbares Anhängsel. Und das Gerangel um Länder- und Bundeskompetenzen, die Ränkespiele zwischen Regierung und Opposition waren zumindest in der zurückliegenden Legislaturperiode immer noch wichtiger als die Baukultur. Sonst hätten wir jetzt längst eine Stiftung auf nationaler Ebene. Auch wenn wir uns die aktuelle Debatte um die kulturelle Bildung anschauen, müssen wir feststellen, dass Architektur nur am Rande vorkommt. Bühnentaugliche Künste wie Musik, Tanz und Theater sind in der Konkurrenz um öffentliche Aufmerksamkeit und öffentliche Gelder weit vorne. Und hier werden die Weichen für kommende Generationen und Jahrzehnte gestellt. Zweitens. Die Finanznot der öffentlichen Hand hat dramatische Ausmaße angenommen. Der Investitionsstau, vor allem auf der Ebene der Städte und Gemeinden, ist so groß, dass es häufig nicht einmal zum notdürftigen Unterhalt von Schulen und Kindergärten reicht. Wir müssen uns fragen, welches Bild vermitteln bröckelnder Putz und leckende Decken den Kindern und Jugendlichen vom Stellenwert der Bildung? Und was sagen sie darüber, wie wichtig ein pfleglicher Umgang nicht nur mit Gebäuden ist? Deutschland zählt immer noch zu den reichsten Ländern der Erde, aber die öffentlichen Gebäude verkommen? Nun mag man das leidige Wort Leitkultur unterschiedlich bewerten, wir müssen uns aber in der Tat auch fragen, ob es in der Gesellschaft noch so etwas wie Gemeinwohlorientierung gibt oder ob nur noch der Egoismus zählt, der wie Lügen zudem kurze Beine hat. Der Standortwettbewerb, wie er gegenwärtig zwischen den einzelnen Kommunen herrscht, fördert einen unökologischen Flächenverbrauch und eine unsinnige Zersiedelung. Die Finanznot der öffentlichen Hand führt außerdem dazu, dass der Personalbestand der Bauverwaltungen auf allen staatlichen Ebenen immer dünner wird. Der „Bauherr Demokratie“ wird seiner Vorbildfunktion jedoch nur gerecht werden können, wenn er sich selbst nicht den Ast absägt, auf dem er sitzt. Und noch ein letztes: Um überhaupt noch neue Bauprojekte auf den Weg bringen zu können, greift die öffentliche Hand immer mehr auf ÖPP-Verfahren zurück. Um einen Totpunkt im Wirtschaftskreislauf zu überwinden, können solche Verfahren durchaus sinnvoll sein. Kurzfristige Kostenverlagerung unter Verzicht auf architektonische Qualität und „Baukultur“ darf aber nicht das Ergebnis sein. Drittens. Wir bewegen uns in einem weitgehend gesättigten Markt. Seit Mitte der 90er Jahre lässt die Baunachfrage nach. Vor allem die Nachricht über massenhaft leer stehende Wohnungen in Ostdeutschland, erst eine Million, später sogar noch mehr, versetzte bundesdeutschen Selbstverständlichkeiten einen Schlag. An die Stelle von Wohnungsmangel trat Wohnungsüberfluss. Und nicht nur satellitenähnliche Plattenbausiedlungen waren und sind betroffen, sondern auch innerstädtische Gründerzeitquartiere. Wo vieles bereits gebaut ist, wächst naturgemäß die Bedeutung des Bauens im Bestand. Ganze Städte neu planen können Architekten heute fast nur noch in Asien. Hinzu kommt der Verdrängungswettbewerb untereinander. Mit der dritthöchsten Architektendichte in Europa laufen wir Gefahr, Opfer eines ruinösen Konkurrenzkampfes zu werden. Viertens. Die allgegenwärtige Tendenz zur Deregulierung treibt die Nivellierung von Qualitätsstandards weiter voran. Die EU-Kommission in Brüssel gefällt sich in immer neuen Angriffen auf verbindliche Gebührenordnungen. In Deutschland konnten wir Pläne zur Abschaffung der HOAI in der zurückliegenden Legislaturperiode zum Glück verhindern. Neues Ungemach droht bereits mit der EU-Dienstleistungsrichtlinie und der vorgesehenen Einführung des Herkunftslandsprinzips. Wer in Deutschland als Architekt tätig werden möchte, müsste demzufolge nicht mehr den hiesigen Standards genügen, sondern denen seines Heimatlandes. Auch die Dominanz der Auftragsvergabe der öffentlichen Hand durch den Preis- und nicht durch den Leistungswettbewerb fördert eine Abwärtsspirale bei der Qualität. Günstig und wirtschaftlich werden allzu oft mit billig verwechselt. Falsch verstandenes Sparen lässt öffentliche Auftraggeber auch häufig vor Planungswettbewerben zurückschrecken. Doch wer billig plant, baut teuer. Fünftens. Eine dynamische Wissensgesellschaft erhöht den Bedarf an Qualifikation. Paradoxerweise reagieren die Verantwortlichen in die genau entgegen gesetzte Richtung. Sie nutzen die Einführung gestufter Studiengänge weniger für die beabsichtigte und dringend erforderliche Internationalisierung, als für die Verkürzung von Regelstudienzeiten. Ein dreijähriges Bachelorstudium reicht aber nicht, um den komplexen Anforderungen an den Architektenberuf zu genügen. Ohnehin gilt für Architekten, was auch auf alle anderen Berufsgruppen zutrifft: Wissen veraltet immer schneller. Die Notwendigkeit, lebenslang zu lernen, wird dadurch immer größer. Was können wir angesichts dieser Lage tun? Erstens. Wir können nie genug für die Baukultur tun. Die Förderung der Baukultur ist kein l’art pour l’art. Öffentliches Interesse an einer gut gebauten Umwelt zu wecken, ist das Fundament für die Durchsetzung berufsständischer Interessen. Wie das funktioniert, muss ich Ihnen in Hamburg wahrlich nicht sagen. Sie haben nicht nur einen äußerst regen Senat, der das Leitbild „Metropole Hamburg – Wachsende Stadt“ formuliert hat und ehrgeizig Projekte wie die Hafencity vorantreibt. Sie sind auch selbst ein Vorbild mit Ihren zahlreichen Aktivitäten, sei es mit dem Architektursommer, der nächstes Jahr wieder auf dem Programm steht, oder der Ausstellung Neue Deutsche Architektur aus dem Jahr 2002, die seither weltweit wirbt, unter anderem kürzlich auf der Architekturbiennale Sao Paulo. Besonders danken möchte ich Ihnen und Ihrem Präsidenten Konstantin Kleffel in diesem Zusammenhang, dass die Hamburgische Architektenkammer 2006 den Bundesauftakt zum Tag der Architektur ausrichten wird. Auf nationaler Ebene setzen wir unvermindert die Lobbyarbeit für die Bundesstiftung Baukultur fort und hoffen, hier bald erfolgreich zu sein. Als zentrales Zukunftsthema propagieren wir außerdem Architektur macht Schule. Auch hier muss ich Ihnen nicht sagen, worum es geht. Als Modellregion für Kinder- und Jugendkultur geht Hamburg in der Debatte um die kulturelle Bildung momentan voran. Und Ihre Kammer führt gute Unterrichtsprojekte und Lehrerfortbildungsseminare durch und hat Ende September den BAK-Stand zu „Architektur macht Schule“ während des hiesigen europäischen Kongresses zur kulturellen Bildung mitgestaltet. Zweitens. Langfristig investieren statt kurzfristig konsumieren. Der Begriff nachhaltig ist inzwischen viel geschmäht. Dennoch weist er in die richtige Richtung. Wir Architekten wissen auch, dass der Staat keine wundersame Geldvermehrung betreiben kann. Umso mehr kommt es auf den vernünftigen Umgang mit den vorhandenen Ressourcen an. Deshalb plädieren wir für eine Umschichtung weg von den konsumtiven Ausgaben hin zu einer Investitionsoffensive. Wir plädieren außerdem für die Verbesserung der Koordination der kommunalen Planungen, für einen angemessenen Personalbestand der öffentlichen Verwaltung und für klare Regeln in ÖPP-Verfahren, die neben den Architekten- und Ingenieurwettbewerben eine angemessene Vergütung der erbrachten Planungsleistungen und den Urheberrechtsschutz berücksichtigen. Die BAK hat hierzu bereits ein entsprechendes Handbuch herausgegeben. Drittens. Um die Zukunft zu gewinnen, müssen Architekten ihre Schlüsselkompetenz Kreativität nutzen. Individuelle Lösungen für Bauaufgaben zu finden ist tägliches Geschäft der Architekten. Diese Kompetenz müssen wir auch nutzen, um uns am Markt neu zu positionieren. Wenn das Dach über dem Kopf gesichert ist, zählen mehr und mehr sekundäre Bedürfnisse. Wie unterscheide ich mich von anderen? Was sage ich mit einem Haus oder einer Fabrik über mich aus? Die Differenzierungswünsche von Bauherrn und Nutzern sind eine große Chance für Architekten, nicht 08/15, sondern unverwechselbar zu planen. Den Architekten haftet aber immer noch der Ruch an, eher ihre eigenen Vorstellungen im Kopf zu haben als die ihrer Auftraggeber. Hier müssen wir noch besser lernen zuzuhören und auf unsere Kunden einzugehen. Wir dürfen uns vor allem auch nicht zu fein sein, uns mit unseren Planungen in Bestehendes einzufügen und müssen vielleicht auch zu einem Selbstbild kommen, das sich nicht primär über gänzlich neu geschaffene Werke definiert, sondern das die Entwicklung der vorhandenen Bausubstanz genauso wichtig nimmt. Ich finde es deshalb außerordentlich begrüßenswert, dass Sie hier in Hamburg einen Arbeitskreis Bauen im Bestand gegründet haben. Wenn der angestammte Markt zu eng wird, stellt sich außerdem die Frage, wie wir neue Märkte erschließen können. Die BAK hat 2002 deshalb das Netzwerk Architekturexport NAX gegründet, um deutschen Architekten, Ingenieuren und Stadtplanern den Schritt ins Ausland zu erleichtern. Das NAX entfaltet zahlreiche Aktivitäten, unter anderem hat hier in Hamburg im Mai ein Exportseminar stattgefunden. Viertens. Wir müssen die Position von Architektur als öffentlichem Gut festigen. Architektur ist kein Wirtschaftsgut wie jedes andere, sondern eine komplexe Dienstleistung, die nicht nur für den Auftraggeber, sondern auch die Gesellschaft insgesamt langfristige Wirkungen hat. Das müssen wir immer wieder deutlich machen, wenn es darum geht, Pläne zur Abschaffung der HOAI zu verhindern. Zugleich müssen wir die HOAI transparenter und einfacher machen. Ich bin zuversichtlich, dass die neue Bundesregierung eine entsprechende Novelle auf den Weg bringen wird. Wir setzen uns außerdem dafür ein, dass in der EU-Dienstleistungsrichtlinie nicht das Herkunftslandsprinzip, sondern das Bestimmungslandprinzip verankert wird, dass Architekten, die in Deutschland Planungsleistungen erbringen, auch deutschen Qualifikationsanforderungen genügen. Wir setzen uns weiter dafür ein, dass das Instrument der Präqualifikation weiter gestärkt wird. Mangelnde Qualität bei der Bauausführung kann auch nicht in unserem Interesse sein. Um die Attraktivität von Wettbewerben wieder zu steigern, habe ich letzten Herbst schließlicheine dreigliedrige Neustrukturierung der Wettbewerbsregeln angeregt. Fünftens. Wir müssen uns für eine hohe Qualifikation der Architekten stark machen, denn die Qualitätssicherung setzt bei einem Freien Beruf immer an der Qualifikation der Person an. Die Einführung gestufter Studiengänge stellt uns hier vor neue Herausforderungen. Die Architektenkammern haben deshalb eine Grundsatzposition zur Mindeststudiendauer erarbeitet, die zur Eintragungsfähigkeit von Hochschulabsolventen ein insgesamt fünfjähriges Studium, mindestens jedoch eine Studiendauer von vier Jahren Vollzeitstudium vorsieht und zusätzlich den Nachweis einer Berufspraxiszeit von mindestens zwei Jahren. Bisher haben wir uns bei der Sicherung der Qualifikation auf den Weg bis zur Eintragung konzentriert. In Zukunft werden wir aber auch das lebenslange Lernen gewährleisten müssen. Deshalb bin ich sehr froh, dass mehrere Architektenkammern bereits eine Pflicht zur Fortbildung eingeführt haben. Auch hier muss unser Ziel sein, eine Vergleichbarkeit der Regelungen in den einzelnen Länderarchitektenkammern herzustellen, und die länderübergreifende Anerkennung von Fortbildungsveranstaltungen nicht durch ein Übermaß an Bürokratie zu behindern. „Es gibt nichts Gutes: außer man tut es!“ In diesem Sinne lade ich Sie ein, die Lösungen für die aktuellen Probleme der Berufspolitik aktiv mitzugestalten und wünsche Ihnen eine produktive Kammerversammlung. Vielen Dank.
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