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Tag der Architektur 2005 - „Raum erleben"
Auftaktveranstaltung in Stuttgart am 25. Juni 2005
Rede von BAK-Präsident Prof. Arno Sighart Schmid
Anrede Es ist nicht von ungefähr, dass wir uns heute hier in der Landeshauptstadt Stuttgart, Stadtteil Bad Cannstatt auf der Baustelle des Mercedes-Benz Museums treffen. Dieses herausragende Bauwerk des niederländischen Architekturbüros UN Studio, mit Ben van Berkel und Caroline Bos, ist ein bestens geeigneter Ort, um den Auftakt zum bundesweiten TAG DER ARCHITEKTUR 2005 zu feiern: Es ist ein gewagtes Bauvorhaben, das in einzigartiger Weise den Fortschritt in der Bautechnik verkörpert, und das vor wenigen Jahren noch kaum realisierbar gewesen wäre. Es erforderte und erfordert eine bravouröse Leistung aller Beteiligten – Architekten – Bauingenieure – Tragwerksplaner – Haustechniker – und modernste Hochleistungsrechner zur Bewältigung der Flut von Daten, um die dreidimensionale Form der Doppel-Helix von den Plänen in die gebaute Wirklichkeit umzusetzen. Entstanden ist ein äußerst spannender „erlebbarer Raum“, der voll und ganz dem Motto unseres heutigen Tages gerecht wird: RAUM ERLEBEN! 

Meine herzlichen Glückwünsche gelten dem Bauherrn, der DaimlerChrysler AG, aber auch der Stadt Stuttgart, die mit der Realisierung dieses Bauvorhabens eine enorme Bereicherung erfährt, und dem Land Baden-Württemberg, das stolz sein kann, ein solches „Leuchtturmprojekt“ als Ausdruck höchster fortschrittlichster Baukultur in seinen Grenzen zu haben. Raum, meine Damen und Herren, ist eine dreidimensionale Angelegenheit. Raum erleben heißt, die vierte Dimension – Zeit – mit einzubeziehen, und diesen Raum zu fühlen, zu erspüren, ihn in sich aufzunehmen, mit allen Sinnen zu erfassen! Die Schaffung dieser Räume, die Realisation und die Erhaltung unserer „gebauten Umwelt“ ist daher eine der Ur-Herausforderungen der Menschheit. Baukunst ist die öffentlichste aller Künste, eine Kunst, an der niemand vorbeikommt: Ein Buch kann man zuschlagen, die Musik kann man abschalten, zum Theater muss man nicht unbedingt hingehen, aber: an der gebauten Umwelt kommt man nicht vorbei, man hat sie Tag für Tag vor Augen. Baukultur ist daher eine öffentliche und eine private, eine allgemeine Aufgabe. Der erlebbare Raum, die Gesamtheit der Baulichkeiten und die offenen Räume dazwischen, prägen uns und unsere Mitmenschen, und beeinflussen unser Verhalten. Dabei ist die gebaute Umwelt immer auch Teil unserer natürlichen Umwelt, und damit Teil der natürlichen Systeme, die uns unsere Lebensgrundlagen bieten. Hier tragen wir eine hohe Verantwortung gegenüber den ökologischen Gegebenheiten, und für eine nachhaltige Entwicklung, für die Zukunftsfähigkeit. Gerade in unseren Ballungsräumen muss uns dies immer bewusst bleiben, wenn wir über Nutzungen und Flächeninanspruchnahme diskutieren. Und noch eins: Baukultur darf sich nicht auf die Leuchtturmprojekte beschränken, sondern muss in die Breite wirken, muss alle Bauvorhaben, auch und gerade die „Alltagsbauten“ mit einbeziehen. Sie muss unsere Bautätigkeit insgesamt, unsere gebaute Umwelt in toto umfassen, und das gilt in gleichem Maße für unsere Tiefbauten, für Infrastrukturbauten, für Brücken, Straßen, und Plätze. Wenn wir heute den Bundesauftakt zum Tag der Architektur feiern, dann tun wir dies, um die Wahrnehmung der Baukultur auf nationaler Ebene zu stärken! Dieser Bundesauftakt hat inzwischen bereits Tradition. Seit dem Jahre 2002 gibt es eine zentrale Auftaktveranstaltung für den Tag der Architektur. Die Premiere fand in Senftenberg (Brandenburg) statt. Thema war die Internationale Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land, deren Ziel die Umgestaltung der vom Braunkohletagebau geprägten Region ist. Beim Bundesauftakt 2003 in Wolfsburg präsentierte die Architektin Zaha Hadid das Science Center „Phaeno“. Das Motto der Veranstaltung war „Form Follows Emotion?“. Der Bundesauftakt 2004 in Dessau war der ökologischen Architektur im Allgemeinen und dem Thema „Umwelt Bauen“ im Besonderen gewidmet. Im Zentrum stand das neue Umweltbundesamt von sauerbruch hutton architekten. In diesem Jahr wird der bundesweite Tag der Architektur 1.686 Projekte an 714 Orten in ganz Deutschland präsentieren, und dabei sind alle Fachrichtungen, also Hochbau, Stadtplanung, Landschafts- und Innenarchitektur beteiligt. Neben dem Neubau wird verstärkt auch der Umbau im Mittelpunkt stehen. Im vergangenen Jahr – 2004 – hatten wir insgesamt über 100.000 Besucher. Der Tag der Architektur ist die publikums- und medienwirksamste Architekturveranstaltung in Deutschland. Jedes Jahr laden die Architektenkammern der Länder am letzten Juniwochenende alle Interessierten ein, zeitgenössische Architektur in ihrer unmittelbaren Umgebung zu besichtigen und vor Ort mit Architekten und Bauherrn ins Gespräch zu kommen. Außerdem bieten die Architektenkammern ein umfangreiches Rahmenprogramm an, das von Diskussionsveranstaltungen und Filmvorführungen bis hin zu einem parallelen „Tag des offenen Architekturbüros“ oder einer ganzen Architekturwoche reichen kann. Die Baukultur in Deutschland hat Ende letzter Woche eine herbe Niederlage erlitten. Auf Antrag von Baden-Württemberg, Bayern und Hessen verwies der Bundesrat den von der Bundesregierung eingebrachten und vom Bundestag einstimmig angenommenen Gesetzentwurf zur Errichtung einer Bundesstiftung Baukultur in den Vermittlungsausschuss und verurteilte ihn damit faktisch zum Scheitern. Mit seiner Entscheidung torpediert der Bundesrat die Bemühungen der letzten Jahre, Baukultur in Deutschland auf allen Ebenen voranzubringen. Es ist überhaupt nicht nachvollziehbar, dass aus Gerangel um Kompetenzen ein Projekt zu Fall gebracht wird, gegen das in der Sache niemand etwas hat. Wenn Eigensinn vor Gemeinsinn geht, dann ist es kein Wunder, dass die Politikverdrossenheit in Deutschland zunimmt. Die jetzige Situation ist aber auch eine Chance, da noch Nachbesserungsbedarf beim Aufbau der Stiftung besteht. Mit der nächsten Bundesregierung werden wir deshalb unverzüglich das Gespräch suchen. Ich würde mich außerordentlich freuen, Herr Oettinger, wenn wir Baden-Wüttemberg dann auf unserer Seite wüssten. Vorab möchte ich aber noch meinen herzlichen Dank an die DaimlerChrysler AG richten, die es uns ermöglicht, diesen Auftakt hier zu gestalten, an die Architektenkammer Baden-Württemberg und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der BAK-Geschäftsstelle für die sorgfältige und umsichtige Vorbereitung der heutigen Veranstaltung.
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