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Bau

Die Verantwortung der Architekten
Peter Conradi 26.06.2004

Rede zum Bundesauftakt für den Tag der Architektur 2004 "Umwelt bauen" in Dessau im Bundesumweltamt am Sonnabend 26. Juni 2004 11.00 Uhr

Die Verantwortung der Architekten

Ich danke Ihnen, Herr Bundesminister Dr. Manfred Stolpe, für Ihr Kommen und für Ihre Rede. Wir Architekten wissen, wieviel Sie - vor allem mit der Verkehrspolitik - am Hals haben. Um so mehr freuen wir uns über Ihr Hiersein und Ihre Rede zum Thema "Umwelt bauen". Ich kann mir denken, dass in der Verkehrspolitik die Strassen- und Eisenbahn-Trassen mit den Umweltforderungen so heftig in Konflikt geraten, wie das immer wieder auch beim Hochbau der Fall ist, das heisst: dieses Thema ist Ihnen vertraut. Wir haben für den Tag der Architektur 2004 das Thema "Umwelt bauen" gewählt, damit dieser Konflikt bewusst wird, damit deutlich wird, dass es in Deutschland kein Bauen ohne Rücksicht auf die Umwelt mehr geben darf.

Der Tag der Architektur ermöglicht den Bürgerinnen und Bürgern die Begegnung und Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Architektur, das Gespräch mit Architektinnen und Architekten, mit Baufrauen und Bauherren - und das in ganz Deutschland. Vor zehn Jahren fand zum ersten Mal ein Tag der Architektur statt; in diesem Jahr freuen wir uns über ein Rekordangebot der 16 Länderarchi­tek­tenkammern: 1690 Gebäude in 660 Orten stehen offen zum Besuch, so viele wie noch nie, und wir sind sicher, dass wir den Besucherrekord 2003 mit erstmals mehr als 100.000 Besuchern heuer übertreffen werden.

Der Bundesauftakt zum Tag der Architektur findet jedes Jahr in einer anderen deutschen Stadt statt und soll die Wahrnehmung des Tags der Architektur auf nationaler Ebene stärken und Themen setzen, die in der aktuellen architektonischen Debatte wichtig sind. Das war 2002 in Senftenberg in der Lausitz die Umgestaltung der ehemaligen Braunkohle-Tagebau-Gruben mit der "Internationalen Bauausstellung Fürst-Pückler-Land"; 2003 in Wolfsburg das Thema "Form Follows Emotion?“ mit dem Neubau "Phaeno" von Zaha Hadid, inzwischen Pritzker-Preisträgerin; und heuer sind wir in Dessau mit dem Thema "Umwelt Bauen“ und dem Umweltbundesamt von sauerbruch hutton architekten.

Wir leben inzwischen in einer bis auf wenige Ausnahmen - zum Beispiel das Hochgebirge, die Wüsten, den Urwald und die Antarktis - von Menschen gestalteten Umwelt. Nicht nur die Städte sind von Menschen gestaltet, auch die Landschaft. Selbst wenn wir am Wochenende ins Grüne fahren, begegnen wir nicht einer ursprünglichen Natur, sondern einer von Menschen gestalteten Umwelt. Natürliche Natur - das gibt es fast nicht mehr.

Die Eingriffe des Menschen in die Natur für die alltäglichen Zwecke, für Landwirtschaft, für Häuser, für Strassen, für Kraftwerke prägen die Umwelt weit stärker als die grünen Reservate, beispielsweise barocke Gärten oder die Landschaftsparks späterer Zeiten. Mit ihrer strengen geometrischen Ordnung sind die Barockgärten heute vielen von uns fremd. Die nach den englischen Vorbildern geplanten Landschaftsparks wie das Dessau-Wörlitzer Gartenreich sind unserem Empfinden näher, aber auch sie setzen eine planvolle Gestaltung und dauerhafte Pflege voraus.

Im Zusammenspiel von geplanten, kultiviertem Grün und Architektur geben die Gärten und Parks uns ein Beispiel dafür, wie eng die Gestaltung der natürlichen und der gebauten Umwelt miteinander verbunden sind. Und sie erinnern uns daran, dass unsere Vorstellungen von einer angenehmen Umgebung dem historischen Wandel unterliegen.

Dessau versammelt herausragende Beispiele für die Gestaltung der gebauten und natürlichen Umwelt in Geschichte und Gegenwart. Das Bauhausgebäude und weitere Bauhausbauten wurden 1996 in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen, das Dessau-Wörlitzer Gartenreich folgte im Jahr 2000.

Heute lenken wir den Blick auf das neue Umweltbundesamt von Matthias Sauerbruch und Louisa Hutton. Ökologisches Bauen ist das Gebot unserer Zeit: Das heisst zum Beispiel Rücksicht auf die jeweilige gebaute und landschaftliche Umwelt; das heisst Rücksicht auf die Ressourcen Energie, Wasser, Baustoffe und Luft; das heisst Nachhaltigkeit im Bauen - keine schnellen Abschreibungsbauten, die in wenigen Jahren wieder abgerissen werden, sondern sorgfältig geplante, dauerhafte, langlebige Gebäude mit geringem Energieverbrauch.

Professor Dr. Andreas Troge, Präsident des Umweltbundesamtes, wies kürzlich im Deutschen Architektenblatt darauf hin, dass die Gebäude in Deutschland immer noch einen Energieverbrauch von 16 Litern Heizöl pro Quadratmeter und Jahr allein für die Erzeugung von Wärme haben. Bei den vor 1995 errichteten Gebäuden sind es sogar durchschnittlich 24 Liter. Bei Neubau, Umbau und Sanierung müssen die Architekten also noch viel für den Klimaschutz tun.

Technisches Wissen und Können für ökologisches Bauen ist reichlich vorhanden, sie werden aber häufig nicht genutzt. Warum, und was können wir Architekten tun, damit das anders wird?

1. Vorurteil: Ökologisches Bauen ist nicht aufregend.

Ökologisches Bauen hatte lange Zeit das Image, gut gemeint, aber künstlerisch anspruchslos zu sein. Eine neue Generation von Architekten beweist heute das Gegenteil. Mit dem Umweltbundesamt wollen wir die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass Nachhaltigkeit und sinnliche Ästhetik Hand in Hand gehen. Wir wollen, dass Beispiele wie dieses schöne und vernünftige Gebäude Schule machen.

2. Vorurteil: Ökologisches Bauen ist zu teuer.

Ökologisches Bauen setzt sorgfältige Planung und innovative Technologien voraus. Ökologisches Bauen ist aber eine Investition in die Zukunft. Bei einer 40-jährigen Nutzungsdauer eines Gebäudes entfallen nur 20% der Kosten auf die Erstellung, aber 80% auf den Betrieb. Die Investition des Bauherrn in ökologisches Bauen macht sich für ihn mehr als bezahlt. Verantwortung der Architekten ist es, die Bauherrn entsprechend aufzuklären

3. Vorurteil: Ökologisches Bauen ist ein Luxus, den wir uns in Krisenzeiten nicht leisten können.

Ökologisches Bauen ist keine milde Gabe an unbeteiligte Dritte. Wenn wir nicht vernünftig mit unseren Ressourcen umgehen, entziehen wir uns und unseren Kindern und Enkeln die Lebensgrundlage. Für die deutschen Architektinnen und Architekten ist ökologisches Bauen eine grosse Chance, denn im Ausland wird die ökologische Kompetenz deutscher Planer hoch geschätzt. Sie ist ein entscheidender Wettbewerbsvorteil im Export. Verantwortung der Architekten ist es, dass Bewusstsein für Qualität, für solide Güter und nachhaltige Produktion zu stärken.

Das gesellschaftliche Klima ist gegenwärtig wenig auf Umwelt und Ökologie eingestellt. "Geiz ist geil“ lautet vielerorts die Devise. Bei der Umwelt und der Architektur geht es jedoch nicht um "Schnäppchenjagd". Mit einem Appell an die Vernunft allein werden wir keine Stimmungsänderung herbeiführen können. Wir brauchen Bilder, die die Herzen der Menschen erreichen. Wir brauchen eine Architektur, die nachhaltig ist und zugleich die Sinne anspricht. Und dafür brauchen wir Architekten wie Matthias Sauerbruch und Louisa Hutton, denen ich herzlich danke, dass sie uns gleich das neue Umweltbundesamt vorstellen.

Zuvor möchte ich aber noch der Architektenkammer Sachsen-Anhalt, der Stadt Dessau, der Geschäftsstelle der Bundesarchitektenkammer und allen weiteren Beteiligten für die Vorbereitung des Bundesauftakts zum Tag der Architektur 2004 danken.

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