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Das menschliche Maß - der Garten
Prof. Arno Sighart Schmid 10.12.2004

Jahresempfang der Freunde der Bundesgartenschau München 2005
im Festsaal des Alten Rathauses in München

Bei dem Begriff „Das Menschliche Maß“ denkt der humanistisch Gebildete vielleicht als Erstes an die wunderschöne filigrane Zeichnung Leonardo da Vincis mit der Bezeichnung „Kanon der Proportionen“ aus dem frühen 16. Jahrhundert (um 1510), die den Menschen in den Mittelpunkt rückt, in gewisser Weise die Quadratur des Kreises mit darstellt, und die heute die Ein-Euro Münze der Republik Italien schmückt.

Der Architekt, der Planer denkt unter Umständen zuerst an Charles Edouard Jeanneret, besser bekannt als Le Corbusier, und an sein Spätwerk aus dem Jahr 1948, sein Buch mit dem Titel „MODULOR – das menschliche Maß“. Die „Modulor-Figur“, die berühmte Zeichnung des Menschen mit dem hochgereckten Arm, archaisch, fast brutal, in gewisser Weise schon die aufgerissene Skulptur Ossip Zadkines in Rotterdam voraus ahnend, war der Versuch, am Ende der klassischen Moderne mit ihren kühlen, klaren, aber eher emotionslosen Dimensionen den menschlichen Maßstab, eben das menschliche Maß wieder zur Messlatte für Architektur und Städtebau zu machen.

Welche Bedeutung hat nun der „GARTEN“ für das menschliche Maß? Welche Rolle spielt Garten, spielt Landschaft, spielt Natur in unserem Dasein, in unserem Bewusstsein? Wie legen wir ein menschliches Maß an den Garten, oder umgekehrt, wie beeinflusst der Garten uns als Mensch, wie verändert oder definiert der Garten unseren menschlichen Maßstab?

Durch die Jahrhunderte, ja die Jahrtausende ist der „GARTEN“ gewissermaßen die Projektion unserer Sehnsucht, unseres Verlangens nach Geborgenheit, nach friedlichem Miteinander, nach einem idealen, idyllischen Zustand.

In der christlichen Glaubenswelt ist das Paradies ein Garten, in dem das Lamm und der Löwe friedlich nebeneinander ruhen.

In der arabischen Sprache ist Garten und Paradies ein Synonym, ein und das selbe Wort. In der 14. Sure heißt es im Vers 28: „Aber jene, die da glaubten und das Rechte taten, werden geführt in Gärten, durcheilt von Bächen, ewig darinnen zu verweilen mit der Erlaubnis ihres Herrn. Ihr Gruß in ihnen ist „Frieden“!“.

„Durcheilt von Bächen...“. Auch das spiegelt ein Lebenselixier wider: klares, frisches Wasser! Viele sind schon heute der Meinung, dass nicht der Kampf ums Erdöl, sondern der Kampf um klares, trinkbares Wasser die ultimative Auseinandersetzung der Menschheit sein wird.

Die Geschichte der Gartenkunst spiegelt in ihren vielen Stilepochen die Sehnsucht und die Vorstellung der Menschen vom Paradies wider. Damit ist diese Geschichte auch gleichermaßen Ausdruck des gesellschaftlichen Lebens, Ausdruck der Wandlung und Entwicklung des Naturempfindens, das auf das Engste mit den großen und bestimmenden geistigen und wissenschaftlichen Strömungen der jeweiligen Zeit verknüpft ist. Waren es im Altertum die „Hängenden Gärten“, der „Heilige Hain“ , der „Heilige Baum“, unter dem Buddha geboren wurde, die frühen „Philosophen- Gärten“ Griechenlands und Roms, oder die Prunkgärten der arabischen Paläste, in denen das Wasser, getreu des Bildes im Koran eine ganz besondere Rolle spielt, so sind es im Mittelalter der Klostergarten, der „Hortus conclusus“ mit seinem Verweis auf die Reinheit der Heiligen Jungfrau, oder das Paradiesgärtlein, die auf das erhoffte bessere Leben, auf ein paradiesisches Sein Bezug nehmen. Vor allem die Buchmalerei hat uns hier „himmlische“ Beispiele hinterlassen, bei denen die Darstellungen von bestimmten Pflanzen und Tieren einen sehr hohen Symbolcharakter haben.

Das mit den ersten Universitätsgründungen sich rasch entwickelnde botanische Wissen und die Heilkräuter- Kunde trugen dazu bei, den Garten als einen ganz besonderen Ort der Heilung und des Heils noch stärker zu etablieren.

Die großen Villengärten der italienischen Renaissance kennzeichnen die Rückbesinnung auf die Ideale der Antike wie Harmonie und Schönheit, und spiegeln die Geisteshaltung des Humanismus wider.

Als die Reformation in Europa die eine tragende Säule, Glaube und Religion erschütterte, und die Lehre des Kopernikus, der Mensch stehe nicht im Zentrum des Alls, das geozentrische Weltbild sei falsch, die andere Säule, die Wissenschaften beunruhigte, da geriet auch das in sich ruhende Selbstverständnis der Renaissance ins Wanken. In den großen Gärten und Parks des Manierismus ist diese Unruhe deutlich zu spüren.

Nach der Trennung von Natur- und Geisteswissenschaften, nach der Aufklärung, zeigte sich der Mensch im Barock und Rokoko wieder selbstbewusst und die Natur beherrschend. Der Ausspruch Ludwigs des XIV, „L’état c’est moi“ ist symptomatisch für die Epoche. Die riesigen Parkanlagen sprengten jede bisher bekannte Dimension, und trugen ihre Gestaltung über die Sichtachsen weit in die umgebende Landschaft hinaus.

Aus heutiger Sicht empfindet man die dann einsetzende Gegenbewegung fast als zwangsläufig. Jean-Jacques Rousseau war es, der mit seinem „Zurück zur Natur“ Wegbereiter für den Englischen Landschaftsstil war. Diese Gestaltungshaltung, die nicht von der Beherrschung und Verformung der Natur, sondern eher von ihrer idealisierenden Interpretation ausging, sollte die Gestaltung von Garten und Park für über ein Jahrhundert dominieren. Der empfindsame Mensch soll die Natur erleben und erwandern können, Garten und Park dienen auch der Erziehung und Läuterung des Städters.

Interessanterweise findet die Architektur in dieser Epoche nicht zu neuen Ufern, sondern lässt vielmehr wie in einem Kaleidoskop vergangene Stile Revue passieren: Klassizismus, Neugotik, Neubarock....

Ein wirklich neuer Anfang gelingt erst mit der Moderne, mit dem Bauhaus, das sich als Wegbereiter für den „Internationalen Stil“ erweist. Nun ist es die Freiraumplanung, die keine stark ausgeprägte Originalität entwickelt. In größeren Anlagen ist es der englische Landschaftsstil, der nachwirkt, direkt am Haus wird eine Einheit von Haus und Garten gesucht, man spricht von „Architektengärten“.

Das starke Wachstum, das mit der Industrialisierung einsetzt, und vor allem im 20. Jahrhundert zu einer rasanten Ausdehnung der Städte und Siedlungsbereiche führt, zwingt zu verstärkten Bemühungen auf zwei Maßstabsebenen: Stadt- bzw. Regionalplanung / Landschaftsplanung auf der einen Seite sowie Architektur und Freiraumplanung auf der anderen.

Ein starker Impuls für beide Ebenen geht von den neuen Erkenntnissen der Ökologie aus, die sich zuerst in der „Naturgartenbewegung“ niederschlagen, schnell aber nicht zuletzt auch aufgrund solcher Ereignisse wie der Umweltkonferenz in Rio in 1990 zu einer sehr viel breiter angelegten Nachhaltigkeitsdebatte führen.

Die Bedeutung des Naturkontaktes für den Menschen, das Erleben der jahres- und tageszeitlichen Rhythmen wird zunehmend erkannt. Dabei geht es nicht nur um die rein messbare Verbesserung der Umweltqualität, die schon lange bekannt ist, sondern zunehmend auch um die geistig/seelische Gesundheit. Nicht erst seit Alexander Mitscherlich wissen wir es, aber er hat es am prägnantesten auf den Punkt gebracht: „Der Mensch formt die Stadt, und im Umkehrschluss formt die Stadt ihre Menschen“.

Und – nur was man kennt (und zu schätzen weiß), kann man auch wirklich schützen! Die Natur, ihre Biodiversität, das Klima, das Wasser, sie sind in Gefahr, und gleichzeitig aber als Lebensgrundlage in ihrer vollen Funktionstüchtigkeit unverzichtbar.

Welche Konsequenzen hat das für die Planung heute? Wie Sie sicherlich wissen, behaupten einige böswillige Zeitgenossen, Planung sei lediglich die Festschreibung des Irrtums. Ich halte es da lieber mit unserem Kollegen Hanns Adrian, der gesagt hat, Planung sei die vorweggenommene Lösung zukünftiger Probleme!

Meine eigene Planungsphilosophie, mein Zugang zur Planung war und ist immer wieder sehr stark beeinflusst worden von den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaften.

Vor Jahren hat der Mediziner Prof. Dr. Jaedicke dargelegt, wie stark der „Reichtum der Bilder“ die „Bildung“ der ganz jungen Menschen, der Kinder im Vorschulalter bestimmt, wie prägend die Primärerfahrungen des Kleinkinds für seine spätere Entwicklung sind. Wir müssen uns fragen, welche Möglichkeiten, gerade auch der Erfahrung der belebten Umwelt, bieten wir unseren Kleinkindern in unseren Ballungsräumen, in unseren dicht bebauten Städten? Wie gut schneiden hier unsere „Spielplätze“ ab? Welche Auswirkungen auf die seelische Entwicklung des Heranwachsenden hat es, wenn er nie lebendige Pflanzen und Tiere direkt erleben kann, von ein paar domestizierten Hauspflanzen und Haustieren abgesehen, wenn er nie den Zusammenhang zwischen Regen und fließendem Wasser erfahren kann, weil alles Niederschlagswasser sofort in die unterirdische Kanalisation abgeführt wird? Wird er natürliche Zusammenhänge und Kreisläufe je wirklich verstehen können?

Vor einigen Jahren drang aus einem Züricher Kongress von Hirnforschern die Erkenntnis nach außen, dass es bei Personen, die nach 1965 geboren wurden, eine deutliche Veränderung der Reizschwelle, ab der gewisse biologische Reaktionen ausgelöst werden, gäbe. Schwächere, subtile Impulse werden so gut wie nicht mehr wahrgenommen, gleichzeitig besteht ein Zustand einer gewissen Dauerstress-Situation, die auf der heutigen Reiz-überflutung beruht.

Enorme Fortschritte in den Nano- und Neurowissenschaften, Entdeckungen in der Molekularbiologie machen es heute möglich, Erkenntnisse darüber zu sammeln, was unsere Gedanken und Emotionen auslöst, wie sie funktionieren. Welche Bedeutung hat dies?

Nicht von ungefähr wird selbst im Reich der Wirtschaft heute schon häufig dem „E-Q“ , also dem Emotional-Quotienten eine gleich große, wenn nicht gar größere Wichtigkeit zugemessen als dem reinen „I-Q“ , also dem schon länger definierten Intelligenz-Quotienten!

Es wäre meines Erachtens fatal, wenn die Entwicklung, wenn die Förderung dieser geistig-seelischen Dimensionen nur den Scheinwelten, den Pseudo-Realitäten des „Cyberspace“ , unserer neuen schönen „Virtuellen Welten“ überlassen bliebe.

Wir brauchen, davon bin ich überzeugt, wieder eine stärkere Rückkopplung, einen stärkeren Bezug zur Natur, zu ihren Gesetzmäßigkeiten und Grenzen. Bei allem Vertrauen in Technik und Fortschritt: eine reine Technikgläubigkeit bringt uns nicht weiter, auch wenn einige führende Nationen dieser Welt nach wie vor eine starke Ankurbelung der Wirtschaft für wichtiger erachten als die Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls!

Und hier kommt für mich auch der Garten ins Spiel: Unser leider viel zu früh verstorbene Kollege Dieter Kienast hat gesagt:

„Der Garten ist der letzte Luxus unserer Tage, denn er fordert das, was in unserer Gesellschaft am kostbarsten geworden ist: Zeit, Zuwendung und Raum“.

Als im Jahr 2000 die Stadt Hannover und die Bundesrepublik Deutschland die Weltausstellung EXPO 2000 unter dem Motto „Mensch – Natur – Technik“ durchgeführt haben, hat eine ganze Reihe engagierter Kollegen eine Veranstaltungsreihe und ein Internationales Symposium mit dem Titel „Die Welt als Garten“ organisiert. Hier wurde versucht, „Garten-Denken“ auf einen größeren Bereich auszudehnen, die Prinzipien der Vorsorge und der Nachhaltigkeit auf Stadt- und Regionalentwicklung genau so anzuwenden wie auf die globale Situation. Ein äußerst interessanter Ansatz!

Auf die lokale Ebene heruntergebrochen bedeutet dies, den Garten zu fördern wo immer dies möglich ist. Deshalb bin ich auch nach wie vor, trotz mancher berechtigter Kritik, ein Verfechter von Gartenschauen.

In den letzten Jahrzehnten hat sich gezeigt, dass Gartenschauen in der heutigen Zeit fast die einzige Chance sind, große, zusammenhängende und dringend notwendige Parkanlagen zu schaffen. Gleichzeitig sind sie ein hervorragendes Mittel, um die wichtigen Gartenthemen an breitere Schichten der Bevölkerung heranzutragen, ins öffentliche Gespräch zu bringen, und –last but not least- zeitgemäße Gartenkultur weiterzuentwickeln!

Mit der BUGA München 2005 verbindet mich eine ganz persönliche Beziehung, war ich doch im Jahre 1990 Vorsitzender der Jury im Planungswettbewerb für den Landschaftspark Riem, der ja das Grundgerüst für diese Bundesgartenschau abgibt. Nach allem was ich höre und sehe hat diese BUGA wirklich die Voraussetzungen, eine der ganz herausragenden Gartenschauen der letzten Jahrzehnte zu werden.

Deshalb begleiten auch meine besten Wünsche die weiteren letzten Vorbereitungen der nächsten Monate, und ich wünsche der Bundesgartenschau München 2005 alles alles Gute!

Glück auf!

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