„Baupolitische Wende in Deutschland“ 

Mit einem „Plädoyer für die Weiterentwicklung von Architektur und Städtebau“ leitete Kulturstaatsministerin Christina Weiss die Verleihung des Taut-Stipendiums 2003 ein, die am 12. Juni im Bankettsaal des Bundeskanzleramtes stattfand. Mit Blick auf Bruno Taut, einen der beiden Namensgeber des Stipendiums, äußerte sich Weiss kritisch zur zeitgenössischen Architektur: „Zwar sind im Grunde die Parameter für eine gesunde, überlebensfähige Stadt seit Tauts Zeiten unverändert geblieben: Noch immer geht es um das Grundbedürfnis nach menschenwürdigem Wohnen, nach architektonischer und kultureller Vielfalt, nach Sozialverträglichkeit und natürlich nach Arbeitsplätzen und wirtschaftlicher Dynamik. Beantwortet werden diese Bedürfnisse heute allerdings mit Wegwerfarchitektur und aberwitzigen Historismen, deren Halbwertzeit beständig sinkt. Nur wenige Architektinnen und Architekten, Planerinnen und Planer haben den Mut oder die Kreativität – oder gar beides – sich dieser Entwicklung entgegenzustellen. Und noch weniger Investoren stehen bereit, gemeinsam mit Politikerinnen und Politikern eine baupolitische Wende in Deutschland umzusetzen.“ Weiss forderte, „die Architektur in der Gesellschaft neu zu verankern“ und unterstützte in diesem Zusammenhang ausdrücklich das Engagement der zukünftigen Stiftung Baukultur. Dass mehr Baukultur auch eine bessere Hochschulausbildung voraussetzt, machte BAK-Vizepräsident Joachim Brenncke klar: „Die Verbindung von Theorie und Praxis ist zwingend, wenn wir heute als Architekten bestehen wollen. Für die Ausbildung heißt das, wir brauchen zeitgemäße Inhalte.“ Eine wichtige Aufgabe des Taut-Stipendiums sei es, im Wettbewerb der Hochschulen als Motivator zu wirken. Für die glücklichen Gewinner der Konkurrenz um die jahrgangsbesten Hochschularbeiten an deutschen Hochschulen dürfte das Taut-Stipendium auf jeden Fall reichlich Stimulanz für ihren künftigen Berufsweg liefern. Bei der Preisverleihung bewiesen die Preisträger schon einmal, dass sie nicht nur ausgezeichnet entwerfen, sondern ihre Ideen auch professionell einem zuhörenden und zuschauenden Publikum präsentieren können. Wie es um die schriftliche Vermittlungsgabe bestellt ist, darüber können Sie sich nun selbst ein Urteil bilden. Philipp Loeper: Ein Meeresbad für Barcelona Der Wellenbrecher vor dem Hafen von Barcelona, aus 80 Tonnen schweren, 'dahingewürfelten' Betonquadern bildet eine reduzierte künstliche Landschaft, die weit ins Meer hinausreicht. Dort draußen entstand die Idee, die Atmosphäre und die vorgefundenen Strukturen aufzugreifen und daraus ein Meeresbad entstehen zu lassen. Es entwickelte sich eine Gebäudestruktur, die nur aus wenigen Elementen besteht: dem Meer, den Betonquadern, den Wasserbecken, den Stegen und dem Dach. Die Quader folgen einer Ordnung, innerhalb derer sie sich quasi „frei bewegen“ können. Die Fugen werden mit Gussasphalt verfüllt und funktionieren als offene Rinnen, die zugleich technische Leitungen und Beleuchtung aufnehmen. Im Gegensatz zur Rauheit der verwitterten äußeren Oberflächen der Quader trifft man im Inneren auf glatten Beton. Hier berührt das Material die Haut, es wird intimer. Differenzierte Lichtverhältnisse intensivieren die jeweiligen Stimmungen. Ein Dach schwebt wie eine Linie, die mit dem Horizont des Meeres korrespondiert, über dem Bad und schafft den Zusammenhalt. Holzstege vermitteln zwischen der rauhen Betonoberfläche und der Haut. Ihre Funktion als Leitsystem erfüllen sie somit sowohl optisch als auch haptisch. Es sollte kein Bauwerk auf dem Wellenbrecher entstehen, sondern ein geordneter Wellenbrecher wird zum Gebäude. Durch Hinzufügen weniger zusätzlicher Elemente entsteht ein Meeresbad. Annika Rabi: Haus der Stille Das “Haus der Stille” als Refugium für einen mehrtägigen Aufenthalt – mit Ähnlichkeiten zum Kloster, aber organisiert wie ein Hotel – soll 30 Gästen die Möglichkeit geben, dem Stress des Alltags zu entfliehen. Der Baukörper erweist in seiner clusterartigen Kubatur und mit seiner Maßstäblichkeit den bäuerlichen Gehöftstrukturen des Dorfes Wittenburg seine Referenz. Im Spannungsfeld Naturraum – Siedlungsraum gelegen, thematisiert der Entwurf den allmählichen Übergang des Einen in den Anderen und ist als Analogie für den geistigen Prozess zu verstehen, der in den Gästen initiiert werden soll. Die am Südende mit einem Kopfbau verstärkte Kubatur stößt sich gleich einem Magneten von Kirche und Dorf ab. Nach Norden öffnet sich der Cluster, löst sich in seine Elemente auf und verzahnt mit Topographie und Naturraum. Es entsteht ein Vexierspiel zwischen subtrahierten und additiven Volumen. Die Gliederung des Baukörpers zeichnet sich durch funktionale Trennung von Wirtschaftsbereich im Kopf des Clusters und Gästebereich durch eine Erschließungsfuge aus. Zum Wald hin orientieren sich die intellektuellen und spirituellen Nutzungen wie Bibliothek, Seminarbereich, Sauna und Meditationsraum. Der Cluster gliedert sich durch eine Abfolge differenzierter Außenräume unterschiedlicher Atmosphäre, die sich zunehmend stärker zur Natur öffnen. Künstliche Becken auf verschiedenen Ebenen machen das Wasser als Symbol für das Werden und Vergehen zu einem Teil des sinnlichen Erlebnisses. Sandra Vajcs: Isola – Erhaltung und Revitalisierung eines Bergdorfes Auf der Fahrt durch das Oberengadin entdeckt der Reisende am Silser See ein Dorf, dessen Schönheit und Besonderheit von weitem spürbar sind. Nach St. Moritz und ähnlichen Hochburgen des mondänen Alpentourismus wirkt Isola wie ein Traum aus einer anderen Zeit. Bis vor kurzem blühte der Ort als Sommersitz Bergeller Bauern: Landwirtschaftliches Treiben prägte das Bild. Nun stehen die malerischen Häuser leer, ohne sinnvolle Nutzung drohen Verfall und Verwaisung. Mit dem Dorf ginge ein weiteres Stück Geschichte und Lebenskultur der Region verloren. Bei einer Umnutzung kann der Ort Opfer von Tourismus und Großkapital werden. Die Nähe zu St. Moritz muss als Chance betrachtet werden: Landwirtschaft und Gastgewerbe sollen hier in Einklang gebracht, Isola zu neuem Leben erwecken und bewahren. Die notwendige Neugestaltung des nicht ausreichenden Dammes gegen zunehmende Hochwasser des Gletscherbaches als raumhaltige Mauer ist ein Zitat der typischen „Bergeller Steinmauer“. Sie schützt Ort und Bestand und nimmt dabei alle Funktionen im Innern auf, die eine extensive Biolandwirtschaft als Schaubetrieb mit Direktvermarktung für Einheimische und Gäste braucht. So ist das Tabu umgangen, durch hausförmige Neubauten das Dorfensemble zu verwässern. Das Dorf erhält gestalterisch und funktional einen Rücken. Der Gedanke der Erziehung zur Nachhaltigkeit als Kernpunkt des Konzeptes wird betont. Isola lehrt den Gestaltern der Zukunft, der Jugend, ihre Umwelt zu pflegen und zu bewahren. Martin Wellnitz: Raummuseum Grundlage der Arbeit ist die Auseinandersetzung mit Raum im Spannungsfeld zwischen Masse und Leere unter Berücksichtigung der Eigenschaften des Ortes. Dieser ist zum einen geprägt durch seine nahezu unendliche Weite, deren Grenzen die Horizonte sind. Zum anderen ist die Landschaft einem ständigen Wandel unterworfen. Der Mensch durchschreitet diese und nimmt aus der Ferne einen durchlässigen, klar gerasterten, über der Landschaft schwebenden Filter wahr. Dieser markiert unter sich ein Feld, auf dem die strenge Horizontale des Ortes durch in und aus dem Boden gestanzte Kuben gegliedert wird. Von hier wird der Mensch über eine Treppe aus der Landschaft ihm den über in schwebenden, allseitig umschlossenen Filter geführt. Der Landschaftsbezug wird zurückgenommen – durch gezielte, auf den Wandel über den Tag und das Jahr abgestimmte Aufweitungen der Struktur jedoch gleichzeitig betont. Über eine abgeschlossene Treppe gelangt man unter die Landschaft, womit diese ausgeblendet wird und nur punktuell durch gezielte Lichteinfälle hervortritt. Die zunächst klar gegliederte, fließende, horizontale Raumstruktur wird in eine vertikale überführt, anschließend durch die Überlagerung zweier Grundraster mehr und mehr zergliedert. So bekommt die Leere eine spürbare Stofflichkeit. Am Endpunkt herrscht eine klaustrophobe Enge, die kein Ausweichen zulässt. Hier wird der Mensch unvermittelt in die zuvor durchschrittene, offene Landschaft entlassen. Die wahrgenommene Realität wird überhöht.
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